Motto: Ich beschreibe es doch, wozu soll ich es dann noch analysieren? Aber nach ma-teriellen Ursachen und Triebkräften des Wandels 24 wird dabei genauso wenig gefragtwie nach möglichen Alternativen.
Geertz erinnert freilich auch an die Grenzen des anthropologisierenden Denkens:„ DieGefahr, dass die Analyse der Kultur auf der Suche nach allzu tief verborgenen Schild-kröten die Verbindung zur harten Oberfläche des Lebens, zu den Realitäten von Poli-tik, Ökonomie und sozialer Schichtung verliert, mit denen es die Menschen überall zutun haben, und dass sie überdies die biologischen und physikalischen Notwendigkei-ten aus dem Auge verliert, auf denen diese Oberfläche ruht, diese Gefahr lauert über-all." 25 Und er schreibt:„ Die eigentliche Aufgabe der deutenden Ethnologie ist es nicht,unsere tiefsten Fragen zu beantworten, sondern uns mit anderen Antworten vertrautzu machen, die andere Menschen- mit anderen Schafen in anderen Tälern- gefundenhaben, und diese Antworten in das jedermann zugängliche Archiv menschlicher Äuße-rungen anzunehmen." 26 Kontingenzen und Alternativen werden damit Erkenntnisziel.Das mag durchaus auch etwas zu tun haben mit den tiefsten und den praktischstenFragen des Menschseins: Mit welchen Akzenten werden Menschsein, Lebensqualität,das gute und richtige Leben interpretiert? Die daraus entstehenden handlungsleiten-den Standards und Werte prägen auch den Umgang mit der umgebenden Lebenswelt...Zukunft ist ein kulturelles Pogramm", sagt Hilmar Hoffmann, 27 und erweiterte Hand-lungsmöglichkeiten und Spielräume, damit mögliche Kontingenz, lassen sich gewin-nen durch den Blick auf andere Antworten. Bei all diesen Fragen handelt es sich da-her nicht einfach um nette kulturgeschichtliche Details. Sie erhalten, wenn man daslineare Denken in den Kategorien von Fortschritt, Wachstum und Moderne verlässt,praktische Dimensionen, weil sie auf Kontingenzen verweisen und damit eine Einredegegen die Sachzwanglogik des Prinzips„ TINA"( There is no alternative) darstellen.Die materiellen Objekte erzählen Geschichten von der unauflöslichen Verschränkungvon Prozessen der Naturaneignung, der Ökonomie und der Kultur. Sonja Windmüllererinnert in ihrem Aufsatz über Zeichen gegen das Chaos einleitend an die„ Symbol-fähigkeit der Dinge in der materiellen Kultur als„ bedeutungsvoller und aktiver Be-standteil jeder Gesellschaft". 28 Helmut Fielhauer betrachtet in seinem Vortrag überindustrielle Arbeitsmittel und Kultur die Werkzeuge als Indikator, als„ Leitfossilienfür Arbeitsweisen und Arbeitsverhältnisse" 29 und erinnert so an die komplexen Be-ziehungen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, damit an gesell-schaftliche Herrschaftsbeziehungen, wie sie mit dem Naturstoffwechsel in der Regelauch verbunden sind.
24 Dieter Kramer: Beschreibend oder wertend? Kulturbegriffe in Ethnologie und Philosophie. In:Schweizerisches Archiv für Volkskunde 95, 1999, 1-22.
25 Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Frankfurt a. Main 1983, 43.
26 Ebd. 43( mit Schildkröten meint er die davor zitierte Suche nach Urgründen des Seins).
27 Hilmar Hoffmann: Zukunft ist ein kulturelles Programm. In: Brockhaus. Die Bibliothek. Kunst undKultur Bd. 1. Leipzig, Mannheim 1997, 8-11, hier: 8.
28 Sonja Windmüller: Zeichen gegen das Chaos: Kulturwissenschaftliches Abfallrecycling. In: Zeit-schrift für Volkskunde 2003, 237- 248, hier: 237.
29 Helmut Paul Fielhauer: Volkskunde als demokratische Kulturgeschichtsschreibung. AusgewählteAufsätze aus zwei Jahrzehnten. Wien 1987, 345.
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