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Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
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1980er Jahren verloren die Dinge mitunter ihre revisionistische Funktion. Stattdessendienten sie der Darstellung des Opferstatus von Flüchtlingen und Vertriebenen. Mit demZurücktreten der so genannten Erlebnisgeneration als Gestalter und zugleich als Pub-likum nahm die Bedeutung der Begegnungsstätten und ihrer Sammlungsbestände je-doch kontinuierlich ab. Insbesondere die Öffnung nach Ost- und Südosteuropa Anfang der1990er Jahre führte einen Bedeutungsverlust herbei, da die Vertreter der nachfolgendenGenerationen sehr viel einfacher als zuvor die Gelegenheit wahrnehmen konnten, an dierealen Orte zu reisen.

Diese vorläufige Chronologie von Bedeutungszuschreibungen, deren Elemente auchparallel verliefen, sich überschnitten und die fortgeschrieben werden kann, verweist indiesem spezifischen Fall auf die potentielle Substituierbarkeit von Stofflichkeit. SiegriedLenz lieẞ jene Kette an Bedeutungsmöglichkeiten im Roman schon relativ zeitig unter-brechen. Der Museumsbetreuer Zygmunt Rogalla steckt sein Heimatmuseum vorsätzlichin Brand, als er feststellen muss, dass erstens die eher nostalgischen Erinnerungen andie verlorene Heimat sowie ihre Vergegenständlichungen nicht ohne Weiteres an jüngereGenerationen weitergegeben werden können, da sie eigene Vorstellungen von Heimatentwickeln 33 und zweitens, dass den Exponaten von Seiten der landsmannschaftlichenOrganisation zunehmend heimatpolitische und ideologische Funktionen zugesprochenwerden sollen. Infolgedessen droht seine museale Präsentation einer Selektion unterzo-gen zu werden, die Rogalla an vergleichbare Bestrebungen aus der Zeit des Nationalso-zialismus erinnern- damals noch das Heimatmuseum in Masuren betreffend- und dieer für politisch fragwürdig hält. 34 Somit verliert sich die Stofflichkeit bzw. wird zu Asche.Eine Vereinnahmung, Umdeutung oder Neudeutung ist zukünftig unmöglich, denn, soheißt es am Ende des Romans,..[ d] ie gehüteten Befunde sind zerfallen, die Spuren ge-löscht." 35 Allerdings wird die Hauptfigur Zygmunt Rogalla mit dem Vorwurf konfrontiert,durch den Brand die Möglichkeit zu besonderer Heimkehr genommen zu haben: so-lange unser Museum existierte, sagte sie, hätten unsere Leute- wenn auch nur in ihrerPhantasie heimkehren können; dies sei nun vorbei 36 Das fiktive Heimatmuseumbesteht jedoch belletristisch fort als eben diese sentimentale Erinnerungsstätte, als das... musée sentimental' naif" 37, das es bis zu diesem Brand dargestellt hatte.

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Die derzeit bestehenden, nicht- fiktionalen Heimatstuben und-museen beherbergenweiterhin reichlich Stofflichkeit. Diese sowohl sozial als auch museal geprägte Formvon community museum verliert jedoch seit vielen Jahren ihre aktive community. Für

33 Rogalla erinnert sich:[...] damals begann ich mich zu fragen, ob der Schmerz über den Verlustvererbbar ist, ob Gefühle, Reize und Aufgaben dieser Art überhaupt weitergegeben werden können- da es doch nur eine Frage der Zeit ist, wann eine leibhaftige Erinnerung sich aufhebt und zur FataMorgana wird, zitternd im Glast, unerreichbar." Lenz 1994( wie Anm. 12), 628f.

34 Ebd. 645f. Vgl. zur politischen Aufgabe der Heimatmuseen im Nationalsozialismus Roth 1990( wieAnm. 12), 162f. und Martin Griepentrog: Kulturhistorische Museen in Westfalen( 1900-1950): Ge-schichtsbilder, Kulturströmungen, Bildungskonzepte.( Forschungen zur Regionalgeschichte, 24).Paderborn 1998, 36-50.

35 Lenz 1994( wie Anm. 12), 655.

36 Ebd. 228.

37 Kommentar von Gottfried Korff in: Korff u. Roller 1993( wie Anm. 25), 219.

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