jedem Stück hängt eine Erinnerung". Darin erzählt eine inzwischen über hundert Jah-re alte Frau, wie sie das Auswählen erlebt hat. An einer Stelle heißt es:... Besonders schlimm war es mit meiner„ Bibliothek".(...) Ich lud die Schwiegertochterund die Enkelin meines Lebensgefährten ein, sich[ Bücher] auszusuchen. Als sie eini-ge Bände in Taschen packten, war es um mich geschehen. Ich musste an mich halten,um nicht zu schreien. Die Bücher lagen mir besonders am Herzen. Ich kannte ihrenInhalt, ich wusste um die Autoren. Die beiden Frauen jedoch hatten keine Beziehungzu ihnen. Das tat furchtbar weh..." 20
Diese Erfahrung haben gewiss auch die Senioren, mit denen ich sprechen konnte,gemacht. Direkt in der Situation der Bewegung beobachtet, wurde aber auch deut-lich, das die Dinge aus den ausgeräumten Regalen und Schränken, die nun aufgereihtwaren und mobilisiert werden mussten, dadurch eine erdrückende stoffliche Präsenzgewannen. Die Entwertung und Zerstörung ihrer Dinge war allen bewusst: früher oderspäter kommt in jede Wohnung eine Entrümpelungsfirma und aus Möbeln, Kleidungund Hausrat einer Person wird Müll oder, seltener, Ware aus zweiter Hand. Dennochist der Verlust der Dinge manchmal weitaus weniger wichtig, als die Sorge um dieeigene Person. Im Fall von Frau S. wurde das deutlich, als sie von ihrer Erinnerungsprach, die eben nicht nur an den Objekten haftet, sondern Kraft derer man auch annicht anwesende Dinge wieder zu denken vermag.
Bei den begleiteten Umzügen war es geradezu beeindruckend zu sehen, wie wenig ge-gen das endgültige Ende des Gewohnten angekämpft wird, wie stark und einsichtig dieBetroffenen sich geben. Gleichzeitig ist aber offensichtlich, wie nahe es ihnen geht.Der Situation wird gewiss nicht immer mit Demut begegnet, oft verbissen, voll Wutoder einfach indem man es sich verbietet hinzusehen und daran zu denken, wie HerrR. so oft betont. Es aber hinzunehmen, das scheinen alle sich selbst schuldig zu sein.Abschied nehmen bezieht sich für diese Menschen nicht nur auf ihre Sachen. DieserAspekt tritt sogar in den Hintergrund, oder besser, kann noch am leichtesten in denHintergrund gedrängt werden, weil er am besten nachvollzogen und selbst bestimmt,selbst beherrscht werden kann. Die Dinge sind nicht oder nicht mehr von Bedeutung;zumindest nicht alle. Manchmal scheint keines mehr eine Rolle zu spielen, angesichtsdessen, was jetzt noch kommt. Und gerade hier fällt das Licht auf eine in den Treffenimmer gemachte Beobachtung: die selbst vollzogene Zerstörung der Dinge oder diebedingungslose Bereitschaft dazu.
In einem aktuellen Artikel beschreibt Hans Peter Hahn„ die Möglichkeiten der Ver-wendung eines Dings" als„ stets zahlreicher, als von den Nutzern zunächst bedachtwird."„ Dieser<< Vorsprung der Dinge»>" so heißt es weiter„ ist uneinholbar; er bildetihr Potenzial, den Nutzer mit immer wieder anderen Eigenschaften zu überraschen." 21Für diese Überraschungen ist, laut Soentgen, in den meisten Fällen der Stoff der Din-ge verantwortlich. Weiter schreibt Soentgen in diesem Zusammenhang, dass der Ver-
20 Florian Scheibe: Ilse Kocialek. An jedem Stück hängt eine Erinnerung. In: Rohstock 2010, 27.
21 Hans- Peter Hahn: Das Leben der Dinge. Ein ethnografischer Blick auf sprechende Kühlschränkeund andere Verheissungen der elektronisch vernetzten Welt. In: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/ literatur_und_kunst/ das_leben_der_dinge 1.8109484.html( Zugriff: 15.03.2011)
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