Druckschrift 
Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

nicht invasive Haltung wird meine Anwesenheit zum Teil der Situation, so dass ich mit-unter beim Ausräumen von Schubladen und Kistenpacken mit dabei bin und gleichzeitignachfragen, zuhören und dokumentieren kann. Die wichtigen Aspekte während der Da-tenerhebung sind somit der Austausch, das Zuhören und das Beobachten.

3. Facetten des Abschieds: Einblicke in die Forschung 16

Frau B. und das Ausräumen

An einem der Tage, an dem Frau B. beschließt, was sie mitnimmt und was nicht, darfich in ihrer Wohnung mit dabei sein. Sie besorgt das Sortieren ihrer Sachen selbst dasie keine Angehörigen hat. Zu den meisten Dingen, die sie in die Hand nimmt, erzähltsie mir etwas und befühlt diese nochmal von allen Seiten, bevor sie sie zuordnet. Es gibteinen nehm- ich- mit"-Tisch, ein Verschenken- Zimmer" und einen großen Müllsack.Als sie die unterste Schublade in der hinteren Ecke des kleinen Zimmers heraus nimmt,beginnt sie zu weinen: Die Sachen von meinem Mann- seine Handschrift.", sagt sie.Die alte Dame setzt sich auf das Kanapee und zerreißt jedes einzelne Dokument, nach-dem sie es zuvor kurz in den zitternden Händen gehalten hat. Dann drückt sie mir diePapierfetzen in die Hand, damit ich sie wegwerfe. Sehr wenige Dinge aus der Schubladekommen auf den nehm- ich- mit"-Tisch, darunter ein Kalender, der den Todestag ihresEhemannes anzeigt.

Bereits bei unserem ersten Treffen erzählt sie von ihrer, wie sie sagt, außergewöhnli-chen Ehe. Im Laufe des Gesprächs, bemerke ich, wie die gebürtige Rumänin mit denDaumen den unteren Teil ihres linken Ringfingers reibt( in Rumänien trägt man denEhering links). Während ich auf ihre Frage antworte, steht sie schließlich wortlos auf,geht zu ihrem Nachtkästchen und nimmt etwas heraus. Sie setzt sich wieder zu mir,streift sich einen goldenen Ring über den Finger, reibt noch einige Male darüber undführt das Gespräch, das ja eigentlich niemals unterbrochen war, ohne ein Zeichen vonWehmut oder Melancholie weiter.

Frau K. und die Räumung17

Die Gespräche mit Frau K. sind stets kurz und geprägt von Bescheidenheit. Sie sagt, dassei jetzt eben so, was solle man machen und zuckt dabei mit den Schultern. Bei den Ge-sprächen mit ihr fällt es mir besonders schwer, das Bewegende an der Bewegung ihrerDinge zu fassen. Es scheint, sie erlebt ihren Umzug als relativ leicht zu vollziehendenÜbergang von einer Normalsituation in die nächste.

Was aber ich, im Gegensatz zu Frau K. an ihrem Umzug miterlebe, ist die Räumung ihrerWohnung. Hier bewegen sich die Dinge- zumeist zum letzten Mal. Für diesen Tag wurdeeine Entrümpelungsfirma engagiert. Bevor der Chef mit seinen zwei Arbeitern kommt,hat die Familie schon die Möbel ausgeräumt. Müll", also alles was nicht mehr ge-braucht wird, ist in Säcke gepackt und im Schlafzimmer gelagert oder liegt lose herum:

16 Im Folgenden sind fünf Fallstudien aus der empirischen Forschung in einem Altenheimknapp angeschnittenen.

17 Vgl.: Bild 1.

73