Druckschrift 
Stofflichkeit in der Kultur : Referate der 26. Österreichischen Volkskundetagung vom 10.-13. November 2010 in Eisenstadt
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Ermordung von behinderten Menschen sowie Psychiatriepatientinnen- und-patienten.Wie aus den Einträgen der Ärzte in ihrer Krankenakte hervorgeht, schien die früherunter anderem als Näherin tätige Katharina Detzel in der Anstalt beständig mit demSammeln, Entwenden oder Zweckentfremden von Materialien und dem Herstellen ver-schiedenster Gebrauchsgegenstände beschäftigt zu sein: Sie entwendete Scheren undSchlüssel, fertigte Mützen, Hosen und Schuhe, einen Diwan zum Schlafen, einen Drü-cker zum Öffnen von Schubladen, einen Schlüssel zum Öffnen des Telefonkästchens, der- wie in ihrer Akte vermerkt wurde- ganz gut aufschloss" und der es ihr ermöglichensollte, halt mal[ zu] telephonieren". 16 Regelmäßig kam es zu Konflikten zwischen Kat-harina Detzel und den Pflegerinnen bzw. der Anstaltsleitung, was in den meisten Fälleneine Isolierung der Patientin nach sich zog: Katharina Detzel wurde dann aus dem sogenannten Wachsaal, wo sie mit anderen Patientinnen gemeinsam untergebracht war,in eine Einzelzelle verlegt. Die Unterbringung in der Einzelzelle konnte einige Stunden,aber auch mehrere Tage und Wochen anberaumt und von den Ärzten jederzeit verlän-gert werden. Wenn überhaupt, dann waren die Isolationszellen in den Anstalten äußerstspärlich eingerichtet. Aus der Krankenakte von Katharina Detzel geht hervor, dass ihrzum Schlafen in der Zelle meist lediglich eine mit Seegras gefüllte Matratze sowie eineDecke aus Stoff gegeben wurde. Zuweilen gab es aber auch nur Heu, das auf dem Bodenverteilt wurden und das die Patientin zum Schlafen nutzen konnte.

Zu Beginn des Jahres 1914 wurde Detzel- so lässt sich aus den Einträgen in ihrer Kran-kenakte schließen- über einen längeren Zeitraum von ihren Mitpatientinnen isoliert.Als die Wärterinnen eines Morgens in ihre Zelle kamen, fanden sie neben Detzel einevom Drahtgitter baumelnde lebensgroße männliche Figur, die- wie am Foto zu erken-nen ist mit Brille, Penis und Bart ausgestattet eine gewisse Autorität ausstrahlte,erinnert sie doch an den Idealtypus eines Wissenschaftlers oder Arztes jener Zeit. DiesePuppe fertigte Katharina Detzel aus den Materialien, die sie in der Zelle vorfand und diesie sehr geschickt für ihre Zwecke zu verwenden wusste. Was war nun aber der Zweckdieser Intervention? Aus welchem Grund fertigte Katharina Detzel in der Nacht diesePuppe an? Aus den Einträgen in der Krankenakte lässt sich schließen, dass KatharinaDetzel mit Hilfe dieser Figur versuchte, aus der Isolationszelle entlassen zu werden,indem sie den Ärzten erklärte- mit Verweis auf die in ihrer Zelle erhängte Gestalt-,dass es ihr bald wie dieser Puppe gehen werde: Sollte sie weiterhin isoliert bleiben,dann würde auch sie bald leblos an diesem Gitter hängen. Der Gegenstand, den sieüber Nacht fertigte, sollte die Wirkmächtigkeit ihrer Androhung verstärken, sollte ihreBedenken und Ängste anschaulich machen. Katharina Detzel erzählte nicht nur eineGeschichte, die ihr von den Ärzten möglicherweise als Wahnidee" oder Halluzination"ausgelegt werden könnte, sie äußerte nicht nur eine Vermutung- sondern sie lieferte,so gut sie mit den vorhandenen Mitteln konnte, einen Beweis, der in der Materialitätdes Objekts begründet lag und mit dem sie ihre Forderung nach einer Unterbringungim Wachsaal- gemeinsam mit anderen Patientinnen- durchzusetzen hoffte. Allerdingsblieb Detzels Intervention erfolglos: Die Ärzte gingen auf ihre Androhung nicht ein, ent-fernten aber- als Konsequenz ihrer nächtlichen Tätigkeit- fast sämtliche Gegenstände

16 Ebd. Eintrag vom 03.03.1923.

41