15. Kapitel
Österreichische Landschaft
Natur ist eine subjektive Sache. Zur Landschaftformt sie sich erst im Auge des Betrachters, durch Deutungund Interpretation. Ihre Anschauung ist geschichtlich, sie ent-wickelt sich und nutzt sich ab, sie kennt Moden und Antimo-den.
Das Bild der Landschaft hat im Österreich des 20.Jahrhunderts mehrfach Verschiebungen erfahren, die zumeinen mit der Reduzierung auf ein großteils von Gebirgenbestimmtes Staatsgebiet nach 1918 und zum anderen mit derVeränderung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellenBedürfnisse zusammenhängen. Mit der Ablösung der Donau-monarchie durch die Alpenrepublik haben neue Orte, Blickeund Kompositionen an Bedeutung gewonnen. Angelegte Bil-der sind verdichtet und in den Rang von Ikonen erhoben wor-den.
Wie jedes andere Produkt bedarf auch Landschafteines Signets, der Formung durch Texte und Bilder, um ihrWiedererkennbarkeit und- je nach Lesart und Bedarf natio-nale oder regionale- Eigenart zu verleihen. Erst ihre Wieder-holung kann Landschaften in den Stand eines Denkmals erhe-ben, und erst die dichte Zusammenschau der vielbemühten, Vielgestaltigkeit österreichischer Landschaft destillierte siezur, typischen'.
Die österreichischen Ideallandschaften des 20. Jahr-hunderts sind auch die des Heimatschutzes: Das Bergdorf mitdem spitzen Kirchturm, das baumbestandene Sträßlein mitdem Wegkreuz, die Almwiese mit dem sonnenverbranntenBerghof, der Strom mit dem Stift, die waldbestandene Kuppemit der mittelalterlichen Burg, der Wasserfall mit dem altenSteg. Doch der Weg von heimatschützerischer Naturästhetik
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