Heimatschutz in Österreich
,, Was jeder in seiner Kindheit las oder spielte, dasscheint ihm in der Erinnerung nicht allein das Schönste undBeste, es kommt ihm oft und fälschlich genug sogar einzig vor.Und es ist eine ganz alltägliche Sache, Erwachsene das Ver-schwinden der Spielsachen beklagen zu hören, die sie im näch-sten besten Laden kaufen könnten. Im Gedanken an dieseDinge wird jeder ein laudator temporis acti, ein Reaktionär."
Mit diesem Zitat soll nicht jenem notorischen Asso-ziationsmechanismus nachgegeben werden, der Heimat undKindheit als Archetypen psychologisch oder regional verorte-ter Primärerfahrung kurzschlüssig miteinander verknüpft.Walter Benjamin sicher ein unverdächtiger Zeuge- wirdhier bemüht, weil er, mutatis mutandis, in quasi introspekti-vem Verfahren den emotionalen Habitus und die Motivlagedes Heimatschutzes skizziert- einer Bewegung, in der sich diePraxis von Denkmal- und Naturschutz, Ortsbild- und Land-schaftserhaltung mit dem Programm einer traditionalistischenHeimatpflege und der Ideologie einer nationalistisch gepräg-ten Volkstumsarbeit in öffentlich- ästhetisch wirksamer undzumindest in ihren ideologisch exponierten Ausläufern- auchin politisch virulenter Weise amalgamiert hat². Zugleich istder Satz jedoch zu lesen als eine Art Memento gegen jede vor-schnelle oder einseitige Beurteilung des bei all seiner retro-spektiven Attitude ursprünglich als Reformbewegung ange-tretenen Heimatschutzes. Denn so manches, was ihm als,, schützenswert" galt, war und ist nie, und schon gar nichtmehr heute, im„ nächsten besten Laden“ zu kaufen; und soattestieren ihm auch seine schärfsten Kritiker nicht nur ,, natio-nale Engstirnigkeit und den Problemen der Industriegesell-schaft unangepaẞte Borniertheit", sondern„ durchaus auchGedanken, die schlechthin als modern gelten können" ³.
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