„ Imperial" legten sich die wenigen noch verbliebenen Gästemit genagelten Schuhen in die Betten. Zwar mochte damit derLebensstil ,, solider“ und„ einfacher“ geworden sein, aber daselegante Wien war verschwunden, an dessen Stelle traten robu-stes„ Alpenkleid“, provinzielles„ Steirerhütel“ und strenges„ Dirndlkleid“. Die Großstadt mutierte zum„ Kirtag", Wien,, verloderte" symbolisch und es„ verdorfte“ kulturell.14
Die Bettauersche Vision ist nicht durch die zahl-losen sich älplerisch gebenden, farbenfrohen Trachtenvereineim Wien der Zwischenkriegszeit eingelöst worden und siethematisiert auch nur am Rande die gleichzeitige städtisch-kleinbürgerliche„ Bodenständigkeitspirsch" 15, die in Bieder-meier und Vorstadt sowie in der erneuten Aufwertung desWiener Mädels' des 19. Jahrhunderts zur stadtländlichenSchönheit kulturellen Halt und ideologische Richtung in derModernität der Großstadt suchte. Dialekt, Wienerlied, Trach-tenumzüge im Zentrum und massive Präsenz im modernenRadio 16 steuerten Urbanität entgegen und wurden vordergrün-dig auch so verstanden: Otto Bauer klagte über die drohende„ Verdorfung Wiens", der Literat Anton Kuh notierte gar, daßurbane Gesinnungen„ kernhafter und kleinhorizontaler"geworden seien und schlug folgerichtig eine Umbenennungder Stadt in Wien am Gebirge“ vor. 17
Tatsächlich belegen diese Zitate sowie das Erschei-nungsjahr von„ Stadt ohne Juden“ nicht nur eine geänderteurbane Selbstwahrnehmung, sondern weisen vor allem auf einMotivrepertoire, das die Erste Republik zum kulturellenÖsterreich machte. Dort ist der Gegensatz von Stadt und Landformuliert, dort sind Begrifflichkeiten angelegt, die zusam-mengefügt zu tradierten Stehsätzen bis in die Gegenwart wur-den: Provinz versus Zentrum, Volkskultur versus Kunst,Volkstümlichkeit versus Intellektualität, Eigenart versusInternationalität.
In der Monarchie galt das, Land' noch als zurückge-bliebenes Bevölkerungs- und Intelligenz- Reservoir für das
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