5. Die Krippenindustrie beliefert die Kirchen der Heimat
Die Tiroler Mode der orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Krippen hat anscheinend nursehr wenige Bastler in der Steiermark zur Nachfolge verlockt. Den-noch gibt es auch hierzulande viele Palästinakrippen odersolche, die eine Zwischenlösung zwischen der idyllischen Art der Na-zarenerkrippen und den orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen dadurch suchen, daß sie plasti-sche Figuren der romantischen Richtung mit der heiligen Familie, mitdrei Hirten und drei Königen und wenig weiterem Volk vor einem idyl-lischen Stall vereinen, dem als stimmunggebender Hintergrund einePalästinalandschaft auf einem Tafelbilde beigegeben wird.
Dieser Typus wird nun von der Mitte des vorigen Jahrhundertsbis zum Ersten Weltkriege die große Mode. Er ging anfangs Hand inHand mit einer neuerlichen Welle der Feindschaft gegen die länd-lichen Heimatkrippen, wiewohl die heimischen Krippenschnitzer ohne-hin schon recht selten im Lande geworden waren. Nur in den hin-tersten Gräben fand sich da und dort noch einer, der von der altenKrippenfreude und vom„ Heiligenberg- Bauen" nicht lassen konnte. ImFeistritzgraben z. B., der sich einsam von der Stubalm gegendas Murtal bei Knittelfeld hinzieht, soll um 1880 noch ein Sonderlingin einer Höhle gehaust haben, der immer wieder Krippenmanderlschnitzte. Aber auch seine Figuren, auch wenn sie einst in der Pfarr-kirche von St. Marein bei Knittelfeld aufgestellt wordenwaren, gingen verloren und wurden durch neue ersetzt 7).
Nun hatte sich die Industrie des wiedererwachten Bedürf-nisses an Krippen angenommen und sie in Massen angeboten und ver-kauft. Natürlich enthielten sie nichts ,, Anstößiges" mehr. Sie warenund sind nicht einmal ,, Dutzendware", denn Serien von tausend undmehr Krippen wurden aufgelegt. Streng halten sie sich an den Bibel-bericht und wagen beileibe keinen vergnüglichen Spaziergang in dieeigene Heimat. Nüchtern und gleichgültig scheint uns diese„ Würde".Aber sie passen nun einmal ganz in diese Zeit, die eben nichts Volks-tümliches mehr in den Kirchen haben will, in der die kirchenmusikali-sche Bewegung des Cäcilianismus jeglichem Versuch, weiterhinein fröhliches Hirtenlied in der Kirche zu singen, strenge Einhalt gebotund jedes weihnachtliche Musizieren zur Mette mit Schwegelpfeifenund Harfen unterband, um einer langweiligen„ Glaubwürdigkeit" wil-len der Phantasie des Volkes, das seit einem Jahrtausend das kirch-liche Fest mehr und mehr zum seinen gemacht hatte, Ketten anlegte.
Wie beim Liede, so fanden sich auch kirchliche Stellen genug, dieauch um 1880 noch die heimischen Krippen verpönten und dies mitWorten, als wären sie aus den Erlässen der josephinischen Aufklärungvor genau hundert Jahren abgeschrieben.
Als man um 1885 die alte volkstümliche Krippe von Haus imEnnstale gegen eine neue aus einer Innsbrucker Fabrik austauschte,begegnete man kirchlicherseits der wehmütigen Stimmung, die da unddort über diesem Wechsel entsprang, mit sehr belehrenden Wortenund viel Lob für die unpersönlich- süßliche Massenware und etlichen
77) Atlas der Deutschen Volkskunde, Frage 118, 1932, aus St. Marein beiKnittelfeld.
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