penfiguren erhalten geblieben. Die kleine bunte Puppenwelt, die manvielleicht da und dort schon vorher in Holz oder in Ton gebildet hatte,einfach und anspruchslos wie noch all die Jahrhunderte seither, dieformte man aus allzu vergänglichem Werkstoff, als daß sie ein halbesJahrtausend unzerstört überdauert hätten. Sicher war es in Füssennur der Trog mit dem Kinde und den Eltern dabei ³); bestimmt nochohne landschaftlichen Hintergrund, auch ohne jene Fülle von Zeugen,von opfernden und betenden Hirten und Königen, die auf den gemal-ten Tafelbildern der Gotik oder in leibhaftiger Schnitzgestalt in denPredellen der Flügelaltäre und Schreine des Spätmittelalters durcheine heimische Landschaft zum Kinde reiten und schreiten.
Damals wurde der Krippengedanke in Deutschland geboren ausjener Herzenseinfalt und Gemütstiefe, die das allgemein kirchlicheWeihnachtsfest zu jenem werden ließ, das von der deutschen Seele aminnigsten erlebt und von ihrer Kunst unzählige Male und schön gebil-det wurde. Beglückt stehen wir Spätgeborenen vor der edlen Einfaltund der erhabenen Größe jener Schreinaltäre, wo Künstler mit gläu-biger Seele und Können der Hand das Wunder der Weihnacht schnitz-ten und malten, daß es uns ergreift und erhebt und wieder mit Weh-mut füllt, weil uns soviel verloren. Wie schreiten und tanzen dieFiguren in höfisch- edlem Gehaben im steifen Bruch der Falten ihrergoldschimmernden und farbig leuchtenden Gewänder durch eine Land-schaft von Bergen und Burgen zum lieblichen Kinde, vor dem sichRitter und Bauern, Könige und Bettler neigen, so sehr sie sonst Sitteund Zucht ihres Standes voneinander trennt!
3. Der Schrein von Oppenberg
Auch die grüne Steiermark birgt solch ein fast verborgenes Wun-der: den Schrein von Oppenberg. Fernab von allem Verkehr unsererhastigen Zeit, im verlassen- stillen Waldgraben zwischen Rottenmannund Irdning, wo einst die Römerstraße geführt hatte, lehnen sich einekleine Kirche, ein Pfarrhof und eine Pilgerherberge an den Hang.Das alte Gotteshaus Mariä Geburt umschließt ein Gnadenbild, dieMadonna von Krakau. Die hatte voreinst viele Pilger ins entlegeneTal gezogen. In der rechten Seitenkapelle aber umfaßt ein Barock-altar den wundervollen gotischen Schrein mit der Anbetung der DreiKönige und einer lebhaft bewegten Fülle von Gestalten edel- männ-licher Haltung einer seelischen Hochgemutheit und freier Bewegtheitin der künstlerischen Aussage jener großen Zeit der alpenländischenSpätgotik nach 1480, die das Kostbarste unter den vielen Flügelaltärenin unseren Landen schuf.
Nicht der ganze gotische Altar ist erhalten; nur das Mittelstück.der Schrein. Hat der steirische Altarschnitzer im Barock erkannt, wieedel und erhaben dieses Werk seines Vorgängers ist, daß er wie einThomas Schwanthaler vor Michael Pachers Kunst in St. Wolfgang amAbersee um des großartigen gotischen Kunstwerkes willen auf eineigenes Mittelstück Verzicht leistete? Oder war das Kirchlein samtseinen Patronatsherren im Chorherrenstifte Rottenmann zu arm, sich3) J. Ringler, Deutsche Weihnachtskrippen. Innsbruck 1929. S. 9.