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Gert Kerschbaumer
DAS WIEDERBELEBTE HEIMATWERK DES LANDES SALZBURG
Die Hakenkreuze auf den pompösen Grenzsteinen der einstigen Gauhaupt-stadt wurden abgekratzt. Die von US- Truppen befreite und verwalteteMozart- und Festspielstadt entwickelte sich zu einem internationalen undmultikulturellen Flüchtlingszentrum. Im August 1945 hausten in diver-sen Lagern und Notunterkünften etwa 70.000„ Displaced Persons"( DPs),überwiegend Flüchtlinge aus ost- und südosteuropäischen Ländern, Über-lebende der Konzentrationslager, Juden, aber auch Ustascha- Kroaten undvertriebene Deutsche, sogenannte Volksdeutsche.15
Im August 1945 gab die„ Alpinia" ihren ersten„ Heimatabend" für dieAmerikaner. Kinder bettelten tagtäglich vor dem Festspielhaus und denbesetzten Hotels um Kaugummi, Schokolade, Zigaretten und Coca Cola.Die begehrten Nylons zogen Scharen von Girlfriends in die Militärstadt.Die als Restaurants getarnten Bordelle wie das„ Ristorante Napoli" warenzum Bersten voll. Der in Lokalen, Wohnungen, Waggons und angeblichsogar auf Puffern abgewickelte Geschlechtsverkehr ,, Rassenschande"erregte den Zorn der Sitten- und Reinheitsapostel.
Dem illustren Fremdenverkehr hatten die Nazis den Garaus gemacht.Ihn wieder anzukurbeln und auf den Stand von 1937 zu bringen, warein vorrangiges Ziel der Nachkriegspolitik, des Wiederaufbaus. Die Ex-klusivität der Festspiele sollte im Sinne des„ Anknüpfens an die Glanzzeitvor 1938" wieder hergestellt werden. Die Trachtenumzüge während derFestspiele und volkskulturellen Darbietungen im Festspielhaus, beispiels-weise eine Bauernhochzeit, eine Trachtenschau und der FaschingsbrauchAperschnalzen anläßlich des„ Anthropologentages" im September 1926oder die Verwendung von Schiachperchten und Trachten in der berühm-ten ,, Faust"-Inszenierung von Max Reinhardt, waren nicht vergessen. Daswirtschaftliche Motiv dieser Verkoppelung von exklusiver Hochkultur undSommerfrischen- Folklore liegt auf der Hand.
Die Bevölkerung sollte aber nicht wie ehedem vom Kulturleben aus-gegrenzt werden, weshalb die Landespolitik auch auf die Kulturpraxisund die Organisationsstrukturen zurückgriff, die sich anscheinend bewährthatten: auf das„ Salzburger Heimatwerk" und die vorexerzierte„ Brauch-tumspflege Glossar ::: zum Glossareintrag tumspflege", die vom Ruch der Vergangenheit gesäubert werden mußten.15 Zur Geschichte der Nachkriegszeit siehe Darstellungen in: Gert Kerschbaumer undKarl Müller: Begnadet für das Schöne. Der rot- weiß- rote Kulturkampf gegen dieModerne. Wien 1992; Ein ewiges Dennoch. 125 Jahre Juden in Salzburg, hg. v.Marko M. Feingold, wissenschaftlich betreut von Gert Kerschbaumer. Wien 1993.