REINHARD JOHLER, WIEN
Resistance through Rituals: Eine Lokalstudiezum Tourismus im Kleinen Walsertal/ Vorarlberg
VORBEMERKUNGEN
Das Generalthema„ Tourismus und Regionalkultur" macht im„ Urlaubs-land Österreich" unversehens aus Referenten Zeitzeugen und Gewährs-personen. Es sei daher zunächst eine persönliche Einleitung erlaubt. Ichkomme aus einer Bregenzerwälder Gemeinde, die ab den 60er Jahrendurch den Ausbau von Privatzimmern ein wenig am vorwiegend deut-schen ,, Touristen- Kuchen" mitzunaschen begann. Die Gäste beschenktenwiederholt- ein Beitrag zur späteren Sachkulturforschung- die Gastgebermit ausrangierten, aber doch funktionstüchtigen Kaffeemaschinen, Radiosund Fernsehgeräten. Das deutsche Wirtschaftswunder begann damit auchbei uns Wurzeln zu schlagen. Für die Jugendlichen der Gemeinde hingegenstanden durch die eigens für die Urlauber veranstalteten„ Heimatabende"der erste freizügig gewährte Kuß, die ersten erhofften Sexualkontakte inAussicht und wurden auch getätigt. Aus damaliger und aus heutiger Sichtwar dies ein sinnmachender Beitrag zum„ sanften Tourismus“.1
Angesichts impliziter Probleme muß dieser deutsch- österreichische Kul-turkontakt aber auch anders gesehen werden. Denn der heimische Anteilwar damals zumindest noch ausschließlich jener der Gastgeber- Kultur,auf der, gleich einer Einbahnstraße, alljährlich der deutsche Fremdenver-kehr zu rollen begann. Der deutsche Gast wurde wegen seiner Schlagfer-tigkeit und Tüchtigkeit, wegen seiner städtischen Herkunft und der sonicht bekannten Verhaltensformen sowie wegen der von ihm mitgebrach-ten Insignien der Moderne, wie Autos und eben Fernsehgeräte, durchaus
1 Ähnliche Erlebnisse sind für Tourismus- Regionen vielfach belegt, vgl. Claus Gatte-rer: Schöne Welt, böse Leut. Kindheit in Südtirol. Wien- Zürich 1989( 2. Aufl.),S. 263:„ Wir ahnten damals noch nicht, daß der Tourismus als Wirtschaftsfaktor er-sten Ranges zu gelten hat. Aus jenen Jahren des Übergangs zwischen dem goldenenZeitalter der, Herrschaften und dem bronzenen der, Fremden ist er mir vor allemals Sittlichkeits- beziehungsweise als Unsittlichkeitsfaktor in Erinnerung."
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Ebenfalls biographisch: Norbert Gstrein: Einer. Erzählung. Frankfurt a. M. 1988,S. 53-58.