RONALD LUTZ, ERFURT
Bildungs- und Kulturtourismus:Zur Reformulierung der Region
PROLOG
Gesellschaften transformieren Natur in eine„ symbolische Ordnung", ver-leihen ihr eine Bedeutung, die sie außerhalb nicht hat. Es entsteht eine,, Menschengeschichte der Natur"( Moscovici 1982), die in der europäischenModerne zur Naturgeschichte einer Gesellschaft gerinnt, die auf einer Kul-tur gründet, in der ein produktivistischer Umgang mit der Natur prämiertwird.
Eine jede Gesellschaft erzeugt aus sich heraus ihre Gegengesellschaft:„ Das, was eine Gesellschaft als das ihr Eigentümliche, was sie als ihreErrungenschaft und als ihren Fortschritt definiert, das wird in derselbenGesellschaft zugleich in Frage gestellt."( Eder 1988: 256)
Moderne Gegenbewegungen, wie die ökologische in Mitteleuropa und ihrsanfttouristischer Ableger, zielen so auf„ eine andere Moderne", die sichallerdings im Schatten der herrschenden befindet( Eder 1988: 227). Mitder Thematisierung des Verhältnisses von Natur und Kultur richten sie ihrAugenmerk auf ein Grundproblem menschlicher Vergesellschaftung. Darinaber entsteht, wieder einmal, das bereits verloren geglaubte Paradies rei-ner Natur sowie herrschaftsfreier Begegnungen glücklicher Menschen aufdem Niveau programmatischer Verlautbarungen neu.
In diesem Zusammenhang erhält die Gegenüberstellung von„ hartem"und„ sanftem" Tourismus, wie sie erstmals von Robert Jungk, dem gei-stigen Mitbegründer der Ökologiebewegung, in der Zeitschrift GEO 1980formuliert wurde( Jungk 1980), eine völlig andere Gewichtung. Hierzuaber bedarf es einer ausholenden Schleife durch die Entfaltungsgeschichtedes zentralen Topos der paradiesischen Natur.
DAS VERLORENE PARADIES
In der griechisch- römischen Tradition wurde bereits der„ Idealzustand ei-ner, natürlichen Lebensweise gepriesen(...), die keinen äußeren Zwän-gen unterliegt"; das sorgenfreie, glückliche und langlebige Dasein dieser