SILKE GÖTTSCH, FREIBURG I. BR.
Frühe Tourismuskritik in der
Heimatschutzbewegung
In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt die Geschichte des modernenMassentourismus¹ und auch die seiner Kritik, deren engagierteste Prot-agonisten aus der Heimatschutzbewegung kamen. Tourismuskritik, so dieThese, ist Gesellschaftskritik, das heißt, sie ist nicht universell zu verste-hen, sondern nur erklärbar aus ihren historischen Dispositionen, sagt alsoetwas aus über die gesellschaftlichen Strukturen der Zeit, in der sie for-muliert wird. Um das zu verdeutlichen, sei ein kurzer Rückblick in dasbeginnende 19. Jahrhundert gestattet.
1823 vermerkte die spätaufklärerische schleswig- holsteinische Zeitschrift,, Staatsbürgerliches Magazin", daß es in Schleswig- Holstein mittlerweilevier Badeanstalten gäbe, die Bewertung dieser Entwicklung folgte demTenor der Zeit: es wird vor der Sucht, solche Einrichtungen zu erbauen,vor ihren Folgen gewarnt:
gen,
,, Mögen sie zur Beförderung der körperlichen Gesundheit beitra-ohne größere Nachtheile zu bringen, die unfehlbar eintreten,wenn die Badeörter nur dazu dienen, die Vergnügungssucht unddie Neigung zum Luxus zu vermehren." 2
Nun war die Zahl derjenigen, die damals die Badeanstalten der Ostseeund Nordsee besuchten, gering. 1825 führte das Fremden- und Badepro-tokoll von Wyk auf Föhr insgesamt 185 Personen auf, immerhin 47 mehrals das Jahr zuvor und 111 mehr als noch 18223- beträchtliche Steige-rungen also in einer Zeit, die vom modernen Massentourismus noch weitentfernt war. Veränderungen, die in der Folge dieser Entwicklung eintretenkönnten, wurden lebhaft diskutiert. Während die einen sich eine Hebung
Vgl. dazu Hans Magnus Enzensberger: Eine Theorie des Tourismus. In: ders.( Hg.):Einzelheiten I. Frankfurt/ M. 1962, S. 147-168 und Hans Werner Prahl und AlbrechtSteinecke: Der Millionenurlaub. Von der Bildungsreise zur totalen Freizeit. Darm-stadt und Neuwied 1969.
Staatsbürgerliches Magazin 2, 1823, S. 523.
3' Schleswig- Holsteinische Provinzialberichte 1825, S. 101.