Druckschrift 
Erlesenes
Entstehung
Seite
129
Einzelbild herunterladen
 

A

Ein vererbter Anachronismus.

nter den Zwei- und Vierzeilern, die Goethe in dem noch 1815erschienenen zweiten Bande der Cottaschen Ausgabe seinerWerke unter dem Sammelnamen Sprichwörtlich veröffentlichthat, fällt einer durch die außergewöhnliche Form des Zwie-

gesprächs auf:

,, Man hat ein Schimpf- Lied auf dich gemacht;

Es hats ein böser Feind erdacht."

Laß sies nur immer singen,

Denn es wird bald verklingen.

Dauert nicht so lang in den Landen

Als das: Christ ist erstanden.

Das dauert schon achtzehnhundert Jahr

Und ein paar drüber, das ist wohl wahr!

Robert Borberger meint( Archiv f. Littgesch., III, 422), diese Reihevon Sprüchen sei nicht zu verstehen, wenn man nicht dazu eine Erzählungaus Julius Wilhelm Zincgrefs Apophthegmata( Straßburg, 1628, I, 83)halte, die sich in dem von Kaiser Maximilian handelnden Abschnitt findet;diese lautet( hier nach der auch sonst zitierten Elzevir- Ausgabe von 1653,I, 61):

Seiner Schreiber einer beklagte sich ben ihr Keyserl. Mayestät wegeneflicher teutschen Liedlein und Pasquil, so ihm zu Hohn weren gemachtworden, und bathe, ihre Keys. May. wolte es doch durch ein offen Edickverbieten und hinderstellig machen; dem antwortet Keyser Maximilian:Das wolten wir nicht gerne thun; dann sie dörfften erst dannenhero auchan uns selbst gerathen. Nim dichs nur nicht an und verschmerze es, gleichwie wir dergleichen etwan auch verschmerzen müssen; dann dergleichenLieder, wie sie schwind auffkommen, also vergehen sie auch schwind wieder,sie wehren nicht so lang als das Lied: Christ ist erstanden, darüber einmalein Jud klagete, daß es nun 1500 Jahr gewehret habe.

Seltsamer Weise hat sich Borberger nicht um Zincgrefs Quelle um-gesehen, die gar nicht so schwer zu finden gewesen wäre; sie fließzt bei demSchwaben Heinrich Bebel, der 1501 in Innsbruck von Maximilian, nachdemer an ihn eine Oratio de laudibus atque amplitudine Germaniae

129