onnerstag
Arbeiter- Zeitung
Beilage 1( 1.65)
19. Februar 1931
Mutter fährt zu Hof
veihundertstem Geburtstag am 19. Februar
edigen Sut und gudt mir ins Gesicht, undmein alter Johann kommt hinten nach. Ichsag zu dem fremden Wundertier: Sie sindwohl einen unrechten Weg gangen!" und ichwill mich an ihm vorbei machen, aber weiler sagt:" Ich bin geschickt von Ihro Majestät,der Frau Königin von Preußen, an die FrauRätin Goethe!", so gud ich ihn an, ob erwohl nicht recht gescheut wär. Und",fährt er fort, die königliche Equipage werdenum zwei Uhr fommen, um die Frau Nätinnach Darmstadt abzuholen, mit IhrerMajestät sollen Sie den Tee trinken imSchloßgarten!" Ich sag:" Johann! Jetzthör er einmal, was das vor Sachen sind!Wenn einem eine Bomeranz aus dem blauenHimmel grad auf die Nas fällt, da soll mangleich sein Verstand bei der Hand haben undfie auffangen, das will viel heißen!" ch fag:Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vorein höflicher Beamter sein mögen, rennenSie nur spornstreichs zur Frau Königin undmelden, die Frau Rat werde ihrerseits dieEhre haben, die von der Frau Königin ihrzugedachte Auszeichnung anzunehmen. Undmachen Sie nur, daß die Kutsch hübsch accuratkommt, damit ich auch nicht zu spät komm, dadas Warten und Wartenlassen meine Sachnicht ist." Dabei mache ich so große Augen,daß der preußisch Hoflatai gewiß seine Ber-wundrung wird gehabt haben über den be-sondern Schlag der Madamen aus der freienReichsstadt Frankfurt. Man muß seine Su-flucht nehmen zu allerlei Künsten, um seineWürde zu behaupten. Wer fann sonstReligion in die Menschen bringen? Daß soein Sofschrana Respekt hätte vor einemBürger, dazu ist er einmal berdorben; damuß er auf Mittel denke, wie er den Kopfganz verliert und nicht weiß, was er dazufagen soll. Und ich weiß nicht, wie dasmöglich war! Es ist doch wunderlich, wie beiüberraschende Gelegenheiten die Spuckgeistersich allerlei Schabernad erlauben mit solchenReut, die der Sach nicht gewachsen sind. Daswar nun mein Lieschen wirklich nicht. Siefonnt nichts finden, weder Zwidelstrümpf,noch Schuh, noch sonst ein Kleidungsstüd,fein Rod fonnt sie mir ordentlich über denKopf werfen. Wenn ich nun auch den Kopfberloren hätt, ich wär nicht fertig geworden.Jest jag ich:" Bring sie mir einmal die ge-bratne Laub wieder herein, denn ich ver-ſpür über die Königlich Geschicht einschreiende Hunger. Und nun schmeiß sie dieNachthaub von der Bouteille herunter-ich werd aber auch noch, meiner Seel, denganzen Stockfisch herunter fressen. Nun
schenk sie mir ein Glas Wein ein, ich mußFeuer in den Adern haben."
Da kommts aber wie ein Sturm ange-rennt und hält still vor der Haustür. Rusch,bier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf,ohne den Rutscher. Jest tommen sie herbei-gestolpert, faßt mich ein jeder unterm Arm,und tragen mich schwebend in die Kutsch.Schad, daß die Fahrt nicht mit meine vierPferd durch die Bockheimergaß geht, amHaus von Herr Bürgermeister vorbei, aberdas Glück bescherte mir unser Herrgott noch,denn kaum biege wir im volle Trab um dieEd, stoßen wir auf die BürgermeistersKutsch mit sammt dem Herrn Bürgermeisterbon Holzhausen drinn mit seine zweiLakaien hinten drauf, mit ihre alte, abgelebteHaarbeutel ich auch, aber meine Haar-beutel waren ganz neu. In vollem Randfahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister,ich grüß feierlich mit dem Fächer und habdas Plaisir, zu sehen, daß mein Herr vonHolzhausen im Wagen ſizen, versteinert undsehn mich nicht mit ihre Glogaugen; er strecktden Kopf heraus, aber umsonst, wir flogenwie der Wind vorbei.
Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, diemir auf meiner Reis bis Darmstadt einge-fallen sind, so müßt ich lügen, denn ich warsozusagen auf einer Schaukel, die schlecht inSchwung gebracht war, bald flog ichdort hinaus, bald wieder nach der andernSeit, bald dreht sich alles mit mir im Durmelherum, dann dacht ich wieder, wie ichs allesmeinem Sohne wollte schreiben, und da fingmir das Herz an zu klopfen. Ich fing an, dieRastanienbäum zu zählen in der Allee, ichwollt probieren, ob ichs tönnt bis hundertbringe, aber ich bracht feine zehn Bäume zusammen, da waren meine Gedanken wiedertoo anders. Einmal fam mir ein gescheuterGedanken, ich dacht, was hab ich dervon? Istmir die Geschicht angenehm? Sollt sie mirnur noch ein einzigmal wieder begegnen, dawürd ich mich schon besinne, daß sie mirlangweilig wär. Was war das heunt Morgenvor eine Komödie, was ist mir vor eine Hißin den Kopf gestiegen, und nun steď ich ineiner zweifelhaften Unbequemlichkeit, wo ichda hingeh zu fremde Leut, die gar nicht drandenke, mer da angerumpelt fommt. OhneKurage feine Genie, hat mein Sohn immergefugt, und will ich oder nicht, so muß ichdoch einmal die höfliche Schmach auf michnehmen, mit gesundem Mutterwit dort indem Fürstensaal vor einer eingebildeten Weltzu paradieren, und blos für eine Fabel-erscheinung mich betrachten zu lassen.
Der weise Richter
Von Hans Otto Henel
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Auf der Prager Kleinseite steht auf einerTerrasse die schöne Kirche der unbeschuhten Kar.meliter, die in manchem recht merkwürdig ist. ImLaufe der Jahrhunderte haben in ihr die ver-schiedensten Sorten von Christen Gott um denSieg über ihre Mitchristen angefleht dieSuſſiten über die Katholiken, die Protestanten überbie Huffiten, die Katholiken über beide. Und alsin der Schlacht auf dem Weißen Berge im Jahre1620 es den tatholischen Christen gelang, so bieleprotestantische Christen totauschlagen, daß sie sichals Sieger bezeichnen konnten, da benannten siedas alte Gotteshaus um zur Kirche der Mariade Victoria, das heißt zur heiligen Gottesmutterbom Siege.
Der Grund dieser Kirche verblieb aber buch-stäblich den Karmelitern, denn tief unter ihrziehen sich Ratatomben hin, angefüllt mit mehrerenhunderten Gärgen, in denen die Zeichen bonMönchen und Nonnen liegen, auch von einigenböhmischen Abeligen, gut erhalten in der fühlenRatakombenluft und gegen Erstattung eines Trinkgelbes au besichtigen. Das ist eine der andernMerkwürdigkeiten dieser Kirche.
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habe. Da ließ Wenzel die voreilig gefaßte Hoff-nung wieder fahren und ging Die geistlichenHerren schmunzelten hinter ihm her.
Wenn man den leßten Ursachen nachgeht,dann ist eigentlich der Kaiser Napoleon daranschuld, wenn heute noch auf der Almosenbüchseder Kirche zu den unbeschuhten Karmelitern eineso merkwürdige Begebenheit verzeichnet steht.Wenn Gott nicht nötig gehabt hätte, dem KaiserNapoleon auf seinem Feldzug in Rußland eine
so furchtbare Kälte entgegenzustellen, zur Rettungder legitimen und gottesfürchtigen europäischenFürstenhäuser, dann wäre diese sibirische Kälteauch nicht im übrigen Europa so lange wirksamgewesen. Leider aber war das zur Korrigierungber Weltgeschichte notwendig. Die Kälte hieltlange in Mitteleuropa an, die Moldaunicht auf, die Rähne konnten nich schwimmen,die Prager Hafenarbeiter bekamen keine Arbeit,
taute
und Wenzel Bruska konnte für sich, Frau und
Kinder kein Brot beschaffen. So nur ist es zu er«flären, wenn Soldaten von der Prager Stadt.wache eines Nachts den Wenzel Bruska dabeierwischten, als er die Kirche zu den unbe-schuhten Karmelitern durch ein eingedrücktesFenster verlassen wollte.
Man fand bei Wenzel Bruska einen Beutelmit Geld, fleiner Münze, darunter eine nichtunbeträchtliche AnzahlDervon Knöpfen.Richter, vor den Wenzel unverzüglich gebrachtwurde, sagte ihm auf den Kopf zu, daß er denOpferstock der Kirche schnöde beraubt habe. EinBefund, der noch während des Verhörs von denherbeieilenden Geistlichen der Kirche beſtätigtwurde. Wenzel leugnete nicht, daß die bei ihmvorgefundenen Münzen dem Opferstod derStirche entstammten, von ihm zu nächtlicherStunde etwas gewaltsam herausgeholt, bestrittaber, daß es sich um einen Raub handle. Ja-wohl, er habe den Opferstod geleert, aber dasfei feine Sünde, im Gegenteil, eine Gott wohl-gefällige Tat. Gott selbst habe ihm geraten, denOpferstod zu plündern, damit er Frau undKinder vor dem Hungern bewahren könne. DerRichter wollte über die vermeintliche DreistigkeitWenzels ergrimmen, aber Wenzel sagte ihmnoch, daß er Gott ausdrücklich auf Anraten derseistlichen Herren von der Kirche der unbe-schubten Karmeliter befragt habe.
Der Richter bat höflichst den fröhlichen, dicenund sicherlich auch sehr frommen Prälaten zusich und stellte ihn Wengel gegenüber. Ob er, dergeistliche Herr, dem Wenzel geraten habe, Gottum einen Ausweg aus der Not zu fragen? Der
Prälat bejahte diese Frage mit der schönen Ehr-lichkeit des Gottesdieners. Der Richter fragteweiter, ob es möglich sei, daß Gott dem Wenzelgeraten habe, den Opferstod zu plündern. Gineganze Weile rüdte der geistliche Herr hin undher, setzte zu Wenn und Aber an, zitierte ausThomas a Kempis und andern Kirchenbäternund meinte schließlich, daß dem Wenzel nur zuglauben sei, wenn ein göttliches Wunder vorliege.Logisch fragte der Richter weiter, ob ein gött-liches Bunder möglich sei. Der Prälat fing weiteran, aus lateinischen Kirchenbätern Belegstellenüber die Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdig-feit von Wundern zusammenzuholen. Hier aberwarf Mengel Brusta in aller Bescheidertheit ein,daß doch sonst die geistlichen Herren lehrten, daßnicht an den Wundern zu zweifeln sei, die Gottdurch seine Auserwählten geschehen lasse. Und er,
Richter, der gläubig wie Samuel und weise wie engel Brusta, sei ein Auserwählter. Das habeSalomo. Dieses aber ist die Geschichte.
In dem harten Winter des Jahres 1812,da die Moldau auf viele Wochen zugefroren war,
am
litten viele arme Beute in Prag große Not. Vorallem die Arbeiter, die sonst ihr Brot mit demGin- und Ausladen der großen Moldaufähneverdienten. Die Kähne waren eingefroren,Unter ihnen war schlimmsten dran derWenzel Brusta, denn er hatte nicht nur einWeib Glossar ::: zum Glossareintrag Weib, sondern auch eine nicht fleine Schar unmündiger Kinder zu versorgen. Wenzelauch nicht in der besseren Lage der meistenfeiner Kameraden, die in den Klöstern und vonden Pfarrern manche unterstützende Hilfe be.tamen. Denn Wenzel war seit Jahr und Tagin feine Kirche mehr gekommen, hatte auch Weib Glossar ::: zum Glossareintrag Weibund Kinder babon abgehalten.
war
Ma der Wenzel Brusta sich nun gar nicht
Gott ihm selbst versichert. Hier fragte der RichterWenzel Brusta als Auserwählter Gottes geltenwieder den Prälaten, ob es möglich sei, daßtönne. Der geistliche Herr gab zu. Ob Gott dann,fragte der Richter weiter, seinem Auserwähltenden Auftrag zur Zeerung des Opferstodes ge-geben haben könne. Auch diese Möglichkeit gab derPrälat zu. Denn der Glaube an Gott und feineGeneigtheit, sich Menschenkindern zu offenbaren,müsse natürlich über allem stehen.
Dankbar beugte fich Wenzel Brusta tief zurGrde, als der Richter befohlen hatte, ihn derRetten zu entledigen und ihn freigeben hieß.Aber als er mit verschmitztem Lächeln an demhochwürdigen geistlichen Herrn vorbeigegangenmar, da rief der Richter ihn noch einmal zurüdund sagte zu ihm:
" Ich habe keinen Grund, zu bezweifeln, daßmehr Rat wußte, wie er für die hungrigenGott dir wirklich den Auftrag gegeben hat, basMäuler etwas zum Beißen schaffen könnte, da Sirchengeld zu deinem Nußen zu stehlen. Aberging er schließlich doch zu den geistlichen Herren wenn Gott dir noch einmal einen solchen Auf-von der Stirche der unbeschuhten Karmeliter, trag geben sollte, dann mache ihn darauf auf-Aber so chrerbietig er auch die Mütze zog, so mertsam, daß er dich verführt, gegen das fiebenteDie sicherlich schönste der sonderbaren Sehens- demütig er sich auch verbeugte, so flehentlich er Gebot zu verstoßen. Und wenn du das wieder tust,würdigkeiten dieser Kirche aber ist ein Opfer auch um eine Unterstüßung bat die Herren fliegst du ohne Gnade in das Loch. Den liebenit o d, eine große metallene Büchse auf einem wiesen ihn ab. Wer seinen Herrgott vergessen Gott aber müßte ich dann wegen VerführungSteinsodel, bestimmt, Geldstücke aufzunehmen, die habe, der werde von Gott auch vergessen. Wenzel und Begünstigung vorfordern lassen. In solchemvon frommen Besuchern gespendet werden in der sah die Richtigkeit solcher Beweisführung ein, Falle würde vielleicht der hochwürdige HerrErwartung, daß Gott es ihnen tausendfältig ver- aber er war doch betrübt, denn in seiner Hütte Prälat so gütig sein, der Gerichtsschreiberei zugelten werde. Die Büchse zeigt in getriebener am Moldauufer warteten hungrig Frau und sagen, wie man Gott eine Ladung zustellenArbeit etliche Szenen aus der Heiligen Schrift Kinder. Im Begriff zu gehen, wurde er von dem fönnte. Er wird das besser wissen als ich."eine freundlichsten, dicksten und sicherlich auch frömm-und, unterhalb des Geldmundes laufend,Damit ist Wenzel Brusta freigelassen wordenmehrzeilige Schrift; Bilder und Schrift sind stark sten der Prälaten noch einmal zurüdgehalten. und seine Geschichte steht nun verzeichnet auf demabgenützt, wahrscheinlich von den vielen Händen Der fragte ihn, ob er denn überhaupt noch an Opferstod, den er selbst beraubt hat. Wer nichtund Aermeln, die im Laufe der Zeit beim Gott glaube. Wenzel sah in dieser Frage ein die tschechische Sprache versteht, wird sie freilichAlmosenspenden über sie hingestrichen sind. Aber Zipfelchen Hoffnung und antwortete bejahend. nicht lesen können. Ihm wird es so gehen wiesie sind noch zu erkennen, die Schrift noch zu ent- Nun, so meinte der dicke Prälat mit schelmischem mir. Ich mußte sie mir auch von einem Ginheisiffern. Und diese Schrift erzählt in gedrängter Lächeln, dann möge er vorerst einmal zu Gott mischen übersehen lassen und hoffe, daß der mirStürze die beachtenswerte Geschichte von einem beten und abwarten, was Gott ihm zu antworten wahrheitsgemäß berichtet hat.
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