Je weiter wir aber im Interesse von Nicolais Glaubwürdigkeit den Zeit-punkt vorrücken, wo ihm d'Argens die Mitteilung gemacht hat, destogeringer wird die Glaubwürdigkeit des Marquis; hätte dieser die Anekdote1769 erzählt, so wären seit dem ihr zugrunde liegenden Ereignis, das mitder Anlage des Parks von Sanssouci im Jahre 1747 verknüpft ist, zwei-undzwanzig Jahre verstrichen gewesen. Tatsache ist jedenfalls, daß zwischendem Streitgespräch des Grafen von Rothenburg und des Marquis undseiner Aufzeichnung zweiundvierzig Jahre liegen müßten, und das ist wohlein bißchen allzulange.
Es gibt nun aber, was bisher allen, die sich mit dem Gegenstandebeschäftigten, entgangen ist, noch eine Erzählung dieser Art; sie steht inden anonymen Anekdoten und Karakterzügen aus dem Leben Friedrich desZweiten, Berlin, 1787, 73 f. und geht so:
Wie wenig der König seine Gewalt nuzte, zeigt unter andern folgenderUmstand: Der Monarch wollte gern das Rathhaus zu Potsdam durch dasnebenstehende Bäckerhaus vergrößern; aber der Eigenthümer weigerte sich,es herzugeben. Der König ließ ihm sagen, er wollte ihm nicht allein dasHaus bezahlen, sondern ihm noch überdem in einer andern Gegend derStadt ein neues unentgeltlich bauen lassen; allein der Besizzer warschlechterdings nicht dazu zu bewegen, und die Vergrößerung des Rath-hauses unterblieb. Das einzige, womit der König ihn bestrafte, war:daß sein Haus ungebaut stehen blieb, da er sämtliche Häuser am altenMarkt neu und schön umbauen ließ.
Von diesen Anekdoten und Karakterzügen, die mit der Zeit aufsechzehn Hefte anwuchsen das erste, in dem diese unsere Geschichte steht,trägt noch keine Zahlbezeichnung sagt Nicolai( I, 79), sie seien„, beŋallen ihren Mängeln noch immer die beste Sammlung", und obwohl er( I, XXVIII) ausführt, seine Liebe zur Wahrheit habe ihn bewogen, dasin mehr als einer Rücksicht unangenehme und bedenkliche Geschäft zuübernehmen, bereits gedruckte Anekdoten durch Zweifel und Berichtigungender Wahrheit näherzubringen, so hat er diese Geschichte trotz ihrer Ähnlich-keit mit der seinigen nicht als unwahr bezeichnet oder sie auch nur ange-zweifelt. Warum nicht? Weil er selber für sie die Verantwortung trägt.
Eben unser Friedrich Nicolai ist nämlich auch der Herausgeber derzuerst 1769, dann 1779 und 1786 erschienenen Beschreibung der KöniglichenResidenzstädte Berlin und Potsdam, die erzählt, daß König Friedrich 1748mit dem Baue der Privathäuser von Potsdam begonnen und damit seither
51
USEUM
FÜR
BIR OTH
VOLKS
SKUNDE
WIEN