GEORG WOLFMAYR, BRIGITTA SCHMIDT- LAUBER
,, Hier ist nichts los". Städtische Befindlichkeitenund Rankings in( einer Stadt wie) Wels
Städte können anziehen oder abstoßen, gelten als cool, hipp und, in' oder alslangweilig, spießig und, out', sie können gefährlich oder sicher wirken, in ihnenmeint man die Luft der Zukunft atmen oder die Vergangenheit riechen zu kön-nen. Städte können Sehnsuchtsorte sein oder Orte der Angst und der Abscheu.Fast immer sind sie auf die eine oder andere Weise emotional konnotiert undevozieren selbst Emotionen.
Oft scheint der emotionalisierte Bezug zu Städten dann besonders stark zusein, wenn es um die eigene Stadt geht. Dies umso mehr, wenn die eigeneStadt- nicht nur aus der Außenperspektive- immer wieder als„, Drecksstadt",,, Proletenstadt“,„ Poser- Stadt" oder mit ähnlich abwertenden Bezeichnungenbeschrieben wird. Die Stadt Wels in Oberösterreich hat seit längerem einensolchen schlechten Ruf, zusehends scheint sie in der Hierarchie österreichi-scher Städte- konkret im Vergleich zur Landeshauptstadt Linz- an Bedeutungzu verlieren. Wie gehen Bewohner/ innen der Stadt mit dieser Bewertung deseigenen Wohnortes um? Wie erfahren und empfinden sie selbst die Stadt? Undwoher rühren die wertenden Zuschreibungen überhaupt?
Ausgehend von Ergebnissen des am Institut für Europäische Ethnologie derUniversität Wien von 2011 bis 2016 gelaufenen FWF- Projektes MittelstädtischeUrbanitäten. Ethnographische Stadtforschung in Wels und Hildesheim' spüren wirin diesem Beitrag dem Raumgefühl in Städten jenseits der Metropole nach, aus
1 Das Forschungsprojekt lief für insgesamt fünf Jahre und beschäftigte insgesamt sechs Perso-nen: Anna Eckert und Georg Wolfmayr als Doktorand/ inn/ en, Lisa Welzel, Kathrin Ecker undLaura Gozzer als Masterstudentinnen sowie Brigitta Schmidt- Lauber als Projektleiterin. DasProjekt setzt sich die ethnographische Untersuchung zweier Mittelstädte in Österreich undDeutschland aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie zum Ziel, indem es Dimensi-onen alltäglichen Lebens von Menschen in diesen Städten kulturwissenschaftlich erforschtund aus einer vergleichenden Sicht auf seine mittelstädtische Spezifik befragt. Die Erfor-schung urbaner Lebensformen jenseits metropolitaner Räume stellt ein Desiderat zeitgenös-sischer kulturwissenschaftlicher Stadtforschung dar, das eine Schieflage wissenschaftlicherAufmerksamkeit gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit anzeigt: Schließlich lebt dieMehrheit der Menschen gerade in Europa in sogenannten Mittel- und Kleinstädten. Weltweitwohnen mehr Menschen in Städten als auf dem Land, und davon mehr als 75% in- je nachRegion und Land- mittelgroßen und kleinen Städten. Vgl. Jennifer Ayala: Aktuelle Trans-formationen und ihre Einflüsse auf eine Mittelstadt in Venezuela. Das Beispiel San Cristóbal- Estado Táchira. Tübingen 2007( Diss.), S. 32.
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