MANFRED SEIFERT
Beheimatung- Zur emotionalenAnatomie eines sozialen Vorgangs
Angesichts des ideell in hohem Maße formatierten und bedenklich strapazier-ten Begriffs Heimat und seiner politisch belasteten Kulturgeschichte mutet dieRenaissance des Heimatbegriffs in der Gegenwart gleichermaßen erstaunlichwie erklärungsbedürftig an. Außerdem boomt Heimat neuerdings wohl stärkerals je zuvor als öffentlich vermarktetes Konsumgut. Von diesen ökonomischfunktionalisierten Annoncierungen von Heimat und diesem unterhaltungsin-dustriell vermittelten Heimatbewusstsein als normierendem gesellschaftlichemAngebot ist kategorisch zu unterscheiden, womit sich der vorliegende Beitragbeschäftigt: das individuell aktiv gewonnene, selbst- bewusste Heimatbewusst-sein bzw. sein Gegenteil, die eigenwillige Distanzierung von Heimat als Refe-renzwert individueller Orientierung. Solch ein akteurszentrierter, handlungs-orientierter Zugang darf als dem aktuellen Fachverständnis der EuropäischenEthnologie entsprechend gelten. Der ebenso komplexe wie komplex beladeneBegriff Heimat jedoch erfährt- aus durchaus nachvollziehbaren Gründen-einige Skepsis. Und Heimat scheint quer zu liegen zum beobachtbaren Boomvon Mobilität und Fluidität im Zuge des mobility turn. Dies hat einerseits mitden kulturgeschichtlichen Aufladungen und Zurichtungen des Heimatbegriffszu tun; und damit, dass ihn seine alltagssprachliche Verwendung nicht geradeals wissenschaftlichen Terminus empfiehlt. Andererseits hat die Beschäftigungmit Migration und Mobilität seit den 1990er- Jahren auch in der EuropäischenEthnologie einen zentralen Stellenwert bekommen. Angesichts der vor demHintergrund von Globalisierung und Spätmoderne hohen Prominenz des mobi-lity turn erscheinen das Konzept der Lokalität sowie das Paradigma der Sesshaf-tigkeit und mit ihnen die Beschäftigung mit Heimat- nicht mehr besondersrelevant. Zur ausschließlich positiven Bezugnahme auf Mobilität gesellen sichallerdings mehr und mehr kritische Stimmen sowie Plädoyers für einen Rück-bezug auf Lokalität und Verortung.'
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1 Vgl. Doreen Massey: A Global Sense of Place. In: Dies.: Space, Place and Gender. Cambridge,Oxford 1994, S. 146-156; Roland Robertson: Glokalisierung: Homogenität und Heterogenitätin Raum und Zeit. In: Ulrich Beck( Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt a. M.1998, S. 192-220; Zygmunt Baumann: Flüchtige Moderne. Frankfurt a.M. 2003; Rosi Brai-dotti: On Becoming Europeans. In: Luisa Passerini u.a.( Hg.): Women Migrants from Eastto West. Gender, Mobility and Belonging in Contemporary Europe. New York, Oxford 2007,S. 23-45-
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