ASTRID BAERWOLF
Kompetente Mütterlichkeitund Konzeptionen von Gefühl
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Ich glaube, da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner, wenn ich Ihnenjetzt meine ehrliche Meinung dazu sage, werden Sie wahrscheinlich einenSchreck kriegen, ich sage es aber trotzdem. Für mich ist alles das, was inVerbindung mit einem Kind steht, aus heutiger Sicht gesehen mit all dem,was ich erlebt habe, ein absoluter Stressfaktor, und ich hab mich ja rechtzei-tig auch sterilisieren lassen und das war die beste Entscheidung meines Le-bens. Die Vorstellung, ich hätte heute noch mal ein Kind oder würde damitkonfrontiert werden, ich würde es nicht tun. Und ich hab auch oft genuggesagt, hätte man oder würde es eine Glaskugel oder irgendetwas geben,der mir vorhergesagt hätte, das kommt mal in deinem Leben auf dich zu mitdeinem Kind, ich hätte niemals ein Kind bekommen im Leben.'
Franziska Schott, die 1989 ihr einziges Kind bekam, ist das Gebot der angemes-senen Rede einer Mutter über ihr Kind gegenwärtig. Deswegen warnt sie michund antizipiert bei mir sowohl eine bestimmte Erwartungshaltung als auchmein Erschrecken. Sie hält zwar möglicherweise ihre Einstellung als Mutter,aber nicht ihr Reden darüber für opportun: Sie habe als Mutter keine Erfüllungerfahren, stattdessen betont sie die Mühsal, die das Kind ihr von Anfang anbereitet habe. In ihrer Bilanz verneint sie jeglichen weiteren Kinderwunsch,was sie doppelt unterstreicht; zunächst durch ihre Sterilisation, die sie zudemals beste Entscheidung ihres Lebens bezeichnet. Auch ihr ursprünglicher Kin-derwunsch basierte aus ihrer heutigen Sicht auf Unwissenheit und falschenVorstellungen. Gerade die Mutter- Kind- Beziehung gilt als eine, wenn nicht dieessentiell emotionale Beziehung. Ein Kind im Nachhinein zu verneinen, gehörtnicht zum Kodex des Sagbaren, weil es vermeintlich gegen die Rollenzuweisungund das normative Muster der instinktiven und bedingungslosen mütterlichenLiebe verstößt. Es kommt, ohne dass Franziska Schott dies explizit sagt oderandeutet, der als bedrohlich geltenden Verweigerung der Mutterliebe gleich.
Die Universalität und Natürlichkeit der Eltern- und insbesondere der Mut-terliebe gehören schon lange zu den gesellschaftlichen Glaubensvorstellungen
Interview mit Franziska Schott, Jg. 1963, ein Kind, Immobilienökonomin, am 15.9.2009.Zur Zeit des Interviews ist ihre Tochter 17 Jahre alt.
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