Druckschrift 
Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
Entstehung
Seite
187
Einzelbild herunterladen
 

MICHAELA HAIBL

Nachforschungen zur Erforschung

der Liebesgabe

Die Idee, einen forscherlichen Blick auf die Erforschung der Liebesgabe' zurichten, ist mehreren eindrücklichen Erfahrungen aus Lehre und Forschunggeschuldet.

Im Rahmen dreier Universitäts- Seminare in Wien, Graz und München er-fuhr ich die Befangenheit der Studierenden gegenüber Forschungsgegenstän-den, die konkrete Emotionen beinhalten oder auslösen( Gewalt, Armut, Terror,Liebe). Die Emotionen standen ebenso im Raum wie das Wissen um Methodender kulturwissenschaftlichen Forschung, die Empathie ebenso wie Distanzie-rung fordern. Die Emotion erwies sich, gelinde ausgedrückt, als methodischeUnwägbarkeit.

Das seit den 1970er- Jahren vorherrschende Bild einer erneuerten volks-kundlichen Wissenschaft, in der die Forschenden objektiv Quellen sammeln,Quellen generieren, quantifizierend und qualitativ auswerten, ist nach wie vorgrundlegend. Die Objektivierung bedingte aber auch eine Form der Ent- Emo-tionalisierung. Wissenshistorisch lässt sich die, Rationalisierung des Gefühls'im Kontext der Geisteswissenschaften bereits im späten 19. Jahrhundert beob-achten.'

Mit dem Abschied vom Volksleben² und dem Abschied von Riehl- in allen Ehren,den Helge Gerndt neun Jahre später vollzog, ³ wurde im Fach eine zweite Ratio-nalisierung erreicht; eine Rationalisierung, die forderte, einen kritischen Blickauf die, Passion' der frühen Forscher zu legen. Diese Revue auf Ent- Emotionali-sierung in den Wissenschaften zugunsten einer objektivierbaren Wissenschaft-lichkeit steht hier fragmentarisch und kollidierte mit eigenen Erfahrungen.

Während meines Studiums wurde betont, der, volkskundliche Kanon'( Sitte,Stamm, Sprache und Siedlung) sei überkommen. Der Abschied vom Volksle-ben sei genommen und das Fach arbeite nun als gesellschaftsrelevante Alltags-wissenschaft. Doch die, 4 S' hatten sich bereits in meinen Kopf gebrannt. Mit

1 Vgl. Uffa Jensen, Daniel Morat( Hg.): Rationalisierungen des Gefühls. Zum Verhältnis vonWissenschaft und Emotionen 1880-1930. München 2008.

2

Vgl. Klaus Geiger, Utz Jeggle, Gottfried Korff( Hg.): Abschied vom Volksleben. Tübingen1970.

3 Vgl. Helge Gerndt: Abschied von Riehl- in allen Ehren. In: Jahrbuch für Volkskunde 2,1979, S. 77-88.

4 Vgl. Martin Scharfe: Kritik des Kanons. In: Geiger, Jeggle, Korff( wie Anm. 2), S. 74–84.

187