MICHAELA HAIBL
Nachforschungen zur Erforschung
der Liebesgabe
Die Idee, einen forscherlichen Blick auf die Erforschung der Liebesgabe' zurichten, ist mehreren eindrücklichen Erfahrungen aus Lehre und Forschunggeschuldet.
Im Rahmen dreier Universitäts- Seminare in Wien, Graz und München er-fuhr ich die Befangenheit der Studierenden gegenüber Forschungsgegenstän-den, die konkrete Emotionen beinhalten oder auslösen( Gewalt, Armut, Terror,Liebe). Die Emotionen standen ebenso im Raum wie das Wissen um Methodender kulturwissenschaftlichen Forschung, die Empathie ebenso wie Distanzie-rung fordern. Die Emotion erwies sich, gelinde ausgedrückt, als methodischeUnwägbarkeit.
Das seit den 1970er- Jahren vorherrschende Bild einer erneuerten volks-kundlichen Wissenschaft, in der die Forschenden objektiv Quellen sammeln,Quellen generieren, quantifizierend und qualitativ auswerten, ist nach wie vorgrundlegend. Die Objektivierung bedingte aber auch eine Form der Ent- Emo-tionalisierung. Wissenshistorisch lässt sich die, Rationalisierung des Gefühls'im Kontext der Geisteswissenschaften bereits im späten 19. Jahrhundert beob-achten.'
Mit dem Abschied vom Volksleben² und dem Abschied von Riehl- in allen Ehren,den Helge Gerndt neun Jahre später vollzog, ³ wurde im Fach eine zweite Ratio-nalisierung erreicht; eine Rationalisierung, die forderte, einen kritischen Blickauf die, Passion' der frühen Forscher zu legen. Diese Revue auf Ent- Emotionali-sierung in den Wissenschaften zugunsten einer objektivierbaren Wissenschaft-lichkeit steht hier fragmentarisch und kollidierte mit eigenen Erfahrungen.
Während meines Studiums wurde betont, der, volkskundliche Kanon'( Sitte,Stamm, Sprache und Siedlung) sei überkommen. Der Abschied vom Volksle-ben sei genommen und das Fach arbeite nun als gesellschaftsrelevante Alltags-wissenschaft. Doch die, 4 S' hatten sich bereits in meinen Kopf gebrannt. Mit
1 Vgl. Uffa Jensen, Daniel Morat( Hg.): Rationalisierungen des Gefühls. Zum Verhältnis vonWissenschaft und Emotionen 1880-1930. München 2008.
2
Vgl. Klaus Geiger, Utz Jeggle, Gottfried Korff( Hg.): Abschied vom Volksleben. Tübingen1970.
3 Vgl. Helge Gerndt: Abschied von Riehl- in allen Ehren. In: Jahrbuch für Volkskunde 2,1979, S. 77-88.
4 Vgl. Martin Scharfe: Kritik des Kanons. In: Geiger, Jeggle, Korff( wie Anm. 2), S. 74–84.
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