MONIQUE SCHEER
Emotionspraktiken: Wie man über das Tun
an die Gefühle herankommt
Als am 7. Dezember 1970 Willy Brandt am Warschauer Ghetto- Ehrenmal in dieKnie ging, bewegte er die ganze Welt- weil er sich bewegt hat. Während dasEreignis in der Kulturwissenschaft vorwiegend als, symbolisches Handeln' dis-kutiert wird,' möchte ich es so betrachten, wie es Brandt und seine Zuschauerzunächst empfanden: als emotionale Geste. Für den damaligen Bundeskanzler,der immer behauptete, die Geste nicht geplant zu haben, ist mit dieser Körper-bewegung ein amorpher geistig- körperlicher Zustand zur Emotion vervollstän-digt worden, indem sie die Grenze zum sozialen Raum übertrat. Für Brandtkam im Akt des Niederkniens und des stillen Verharrens in dieser Position dasGefühl, um das es ihm ging, erst zustande. Für die Zuschauenden kamen dieEmotion, die sie in Brandts Geste wahrgenommen haben, und das Gefühl, dassie selbst dabei empfanden, im Akt des Hinsehens und Begreifens zustande.Der Kniefall Brandts war also sowohl seitens des Akteurs als auch seitens derZuschauenden in einem Komplex von Körperbewegung, Wahrnehmung, Inter-pretation und Aktivierung körpereigener Erregungsmuster eingebunden, derzusammengenommen als Emotion bezeichnet wird.
Ob Brandt bei dieser bewegenden Geste auch selbst wirklich bewegt war,wurde im Anschluss lebhaft debattiert.² Zum, Lesen der Gefühle anderer ge-hört im Alltag offenbar ganz wesentlich die Unterscheidung zwischen, echt' und, unecht', denn das beeinflusst die eigene emotionale Antwort darauf. Es wurdeaußerdem noch diskutiert, welches Gefühl genau mit dem Kniefall ausgedrücktworden war und ob es richtig war, dass der Bundeskanzler dieses öffentlichgezeigt hatte.3 Ob und wie die Geste selbst und ihr Kontext verstanden wurden,prägte auch das eigene Gefühl beim Zuschauen: Es gab nämlich nicht überall
1
Für ihre Kommentare zum vorliegenden Text und für viele anregende Gespräche zum Themadanke ich Christoph Bareither, Elisabeth Socha, Günther Schroth und Katharina Winkler.Vgl. z.B. Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Ritual, Ereignis und Erzählung.Konstanz 2006.
2 Vgl. Klaus Dieter Hein- Mooren: Spontan oder geplant? Bemerkungen zu Willy Brandts Knie-fall in Warschau. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55, 2004, H. 12, S. 744-753.
3
Vgl. Nicola Hille: Willy Brandts Kniefall. Die politische Bedeutung, emotionale Wirkung undmediale Rezeption einer symbolischen Geste. In: Heidi Hein- Kircher, Jarosław Suchoples,Hans Henning Hahn( Hg.): Erinnerungsorte, Mythen und Stereotypen in Europa- Miejscapami ci, mity i stereotypy w Europie. Breslau 2008, S. 163–184.
15