JOCHEN BONZ UND KATHARINA EISCH- ANGUS
Sinn und Subjektivität
Das Methodeninstrument EthnopsychoanalytischeDeutungswerkstatt/ Supervisionsgruppe fürFeldforscher/ innen
Für die ethnografische Forschung stellen menschliches Dasein und Tun nichtnur abstrakte Untersuchungsgegenstände dar, sondern sie bilden auch ganzkonkret das Wesen der Forschungspraxis selbst. Gewinnen wir unsere Datendoch in Interaktionssituationen, in den Beziehungen, die wir als Forschendezu anderen Menschen eingehen.' Dass wir als Subjekte selbst einen wesent-lichen Anteil an der Erkenntnisarbeit haben, hat Georges Devereux von der„ angsterregende[ n] Überschneidung von Objekt und Beobachter" sprechenlassen. Die Funktion ethnologischer Methoden besteht vor diesem Hinter-grund nicht primär darin, eine möglichst weitreichende Objektivität des Er-kennens und der Beschreibung der Realität zu ermöglichen. Vielmehr schöbenwir Methoden ,, zwischen uns und unsere Objekte" ³, um auf diese Weise die mitden Forschungsbeziehungen entstehende Angst abzuwehren. Das Ergebnis seizwangsläufig durch Verzerrungen und Irrtümer bestimmt, denen nur dadurchentgegengewirkt werden könne, dass die eigentliche Verzerrung, nämlich dieTatsache, dass es ein Subjekt ist, das die Forschung betreibt, als Tatsache akzep-tiert und in die Reflexion mit aufgenommen wird. Devereux spricht von der„ al-ler Beobachtung inhärente[ n] Subjektivität als[ …] Königsweg zu einer eher au-thentischen als fiktiven Objektivität. Diese Ansicht hat in jüngerer Zeit etwaFranz Breuer vom Forum Qualitative Sozialforschung aufgegriffen, dabei hat er
1 Robert Emerson, Rachel Fretz und Linda Shaw sprechen deshalb vom Charakter der Feldfor-schung als einer„, researcher mediation[ of the field]"; Robert M. Emerson, Rachel I. Fretz,Linda L. Shaw: Writing Ethnografic Fieldnotes. Chicago, London 1995, S. 13. ,, While field-notes are about others, their concerns and doings gleaned through empathetic immersion,they necessarily reflect and convey the ethnographer's understanding of these concerns anddoings. Thus, fieldnotes are written accounts that filter members' experiences and concernsthrough the person and perspectives of the ethnographer; fieldnotes provide the ethno-grapher's, not the members', accounts of the latter's experiences, meanings, and concerns."( Ebd., S. 12 f.)
2
Georges Devereux: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. München 1973,S. 17.
3
Ebd., S. 18.
4
Ebd.
127