ANA ROGOJANU
Gebautes Gemeinschaftsgefühl?
Zur Planbarkeit von Atmosphären der Interaktionim gemeinschaftlichen partizipativen Wohnbau
Einführung
Seit geraumer Zeit wird in den Kultur- und Sozialwissenschaften von einemspatial turn, oft in Verbindung mit einem material turn, also einer gesteiger-ten Aufmerksamkeit für Materialisierungen von Kultur, gesprochen.' Jüngerist die explizite Hinwendung zu kulturwissenschaftlichen Fragen nach Gefühlund Emotion, die der Titel der Tagung in der Formulierung Emotional Turn!?aufgreift. Die Rede von wissenschaftlichen turns impliziert immer auch einegewisse, dem turn vorausgegangene Vernachlässigung der betreffenden Kate-gorie. Während vor allem in den Sozialwissenschaften in fachgeschichtlicherPerspektive die Diagnose einer Vernachlässigung von Raum, Materialität undGefühl zumeist recht einheitlich ist, wäre für die Volkskunde bzw. EuropäischeEthnologie das Bild zu differenzieren.³ Gleichgültig, ob man sich nun der Theseder wissenschaftlichen turns anschließt oder nicht: Raum, Materialität und Ge-fühl erfahren aktuell vermehrt Beachtung, und zwar nicht nur als unterschied-liche, getrennt voneinander verlaufende Diskursstränge, sondern häufig geradein ihren wechselseitigen Verschränkungen. Das zeigen interdisziplinäre Publi-
1 Doris Bachmann- Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften.3., neu bearb. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2009, S. 284.
2 Vgl. etwa Andreas Reckwitz: Affective spaces: a praxeological outlook. In: Rethinking Histo-ry 16, 2012, H. 2, S. 241-258, hier S. 243-246.
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Mit ihrer anfangs stark musealen Orientierung war die frühe Volkskunde keineswegs derBeschäftigung mit Objekten abgeneigt. Auch von Raumblindheit kann angesichts derDiffusionstheorien der 1920er- und der Atlasprojekte der 1950er- und 1960er- Jahre kaumgesprochen werden, allerdings haben sich in beiden Feldern die Forschungsperspektivenentscheidend verändert. Emotionen wurden lange Zeit vor allem im Kontext qualitativerForschungsprozesse diskutiert, aber erst in jüngerer Zeit, etwa in den Arbeiten von BrigittaSchmidt- Lauber und Monique Scheer, explizit zum Forschungsthema gemacht. Vgl. GudrunM. König: Auf dem Rücken der Dinge. Materielle Kultur und Kulturwissenschaft. In: KasparMaase, Bernd Jürgen Warneken( Hg.): Unterwelten der Kultur. Themen und Theorien dervolkskundlichen Kulturwissenschaft. Köln u.a. 2003, S. 95-118; Gudrun M. König; ZuzannaPapierz: Plädoyer für eine qualitative Dinganalyse. In: Sabine Hess, Johannes Moser,Maria Schwertl( Hg.): Europäisch- ethnologisch forschen. Neue Methoden und Konzepte.Berlin 2013, S. 283-307; Johanna Rolshoven: Von der Kulturraum- zur Raumkulturforschung.Theoretische Herausforderungen an eine Kultur- und Sozialwissenschaft des Alltags.
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