Druckschrift 
Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
Entstehung
Seite
271
Einzelbild herunterladen
 

JOHANNA STADLBAUER, ANDREA PLODER

,, I start with my personal life."Zum Potenzial der Autoethnografie für dievolkskundliche Forschung zu und mit Gefühlen

Einleitung

Wo Gefühle im Spiel sind, stoßen wir schnell an die Grenzen des Sagbaren.²Im Sprechen über sie dominieren Metaphern, Vergleiche und Andeutungen,Mimik und Gestik gewinnen an Bedeutung und Missverständnisse sind ander Tagesordnung. Für eine Disziplin, die sich in mehrfacher Hinsicht demgesprochenen und geschriebenen Wort verpflichtet hat, bringt das verschiede-ne Probleme mit sich: Zunächst müssen wir damit rechnen, dass unsere For-schungsteilnehmer/ innen nicht detailliert über ihre Gefühle sprechen könnenoder wollen. Auch wenn sie das tun, können wir nur schwer überprüfen, obunsere Deutungen ihres Berichts ihr emotionales Erleben angemessen erfassenoder nicht. Wenn wir Beobachtungsstudien zu Phänomenen durchführen, indenen Gefühle eine zentrale Rolle spielen, scheint es, als wären wir auf un-sere alltagspraktisch geschulte Empathie zurückgeworfen: Anders als Artefak-te sind Gefühle nicht angreifbar, anders als viele Handlungen, Interaktionen

1

2

Dieser Text versteht sich als Dokumentation des 2013 gehaltenen Vortrages. Jüngere Aufsätzeder Autorinnen zum Thema Autoethnographie- der erste gerade in Begutachtung, derzweite im Erscheinen- sind: Andrea Ploder, Johanna Stadlbauer: Strong Reflexivity and ItsCritics: Responses to Autoethnography in the German- speaking Cultural and Social Sciences,In: Qualitative Inquiry( Special Issue: European Contributions to Strong Reflexivity); AndreaPloder, Johanna Stadlbauer: Starke Reflexivität: Autoethnographie und Ethnopsychoanalyseim Gespräch, In: Jochen Bonz, Marion Hamm, Katharina Eisch- Angus, Almut Sülzle( Hg.):Subjektorientiertes Deuten. Zur Methodentheorie und Methodenpraxis ethnopsychoanaly-tisch orientierter Interpretationsgruppen( Arbeitstitel). Wiesbaden.

Unter einem Gefühl verstehen wir in weiterer Folge ein psychophysisches Erlebnis einerPerson, das häufig( aber keineswegs immer) sichtbaren oder hörbaren Ausdruck findet,durch den es für andere zugänglich werden kann. Während wir als Gefühl ein unmittelba-res und individuelles Erlebnis bezeichnen, beziehen wir den Begriff der Emotion auf daspsychophysische Grundinventar des Menschen, das das Erleben von Gefühlen überhaupt erstmöglich macht. Basisemotionen wie Freude, Trauer, Wut und Scham sind die Zutaten, ausdenen individuelle Gefühle zusammengesetzt sind. Ihr Rückbezug auf ein von vielen anderenMenschen geteiltes emotionales Grundinventar macht es überhaupt erst möglich, Gefühlevon anderen zu interpretieren und sich sinnvoll darauf zu beziehen. Die Komplexität ihrerjeweils aktuellen Zusammensetzung macht es zugleich schwer, sie im Einzelfall, richtig zudeuten.

271