Druckschrift 
Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
Entstehung
Seite
281
Einzelbild herunterladen
 

STEPHANIE TOMSCHITZ

Langeweile als Forschungsfeld¹Methodische Herausforderungen undmethodologische Überlegungen

,, Dieses Treffen ist die letzte Chance für die Gemeinde, den Hochwasser-schutzdamm in die Tat umzusetzen. Wenn wir jetzt nicht entscheiden, wirdes keinen Damm geben." So oder so ähnlich hallen die Worte vom Redner-pult ins Auditorium. Das wäre wortwörtlich der Untergang der Gemeinde,so das Fazit der BefürworterInnen. Die gegnerische Partei kontert.

Ich besuche diese Veranstaltung zum ersten Mal und beobachte dasSpiel von Rede und Gegenrede zwischen den GrundeigentümerInnen undder Gemeinde. Die Fronten scheinen verhärtet. Niemand will nachgeben,sich auf die Forderungen und Angebote der anderen Gruppe einlassen. Einehitzige Diskussion spielt sich zwischen der ersten Reihe und der Tischfrontab. Ein Blick in die restliche Runde zeigt ein gänzlich konträres Bild.

Die rund vierzig TeilnehmerInnen der Versammlung- viele von ihnenbesuchen sie bereits zum wiederholten Mal- sitzen recht unbeeindrucktda. Köpfe hängen tief im Genick, andere stützen sich auf ihre Hände. Blickestarren gedankenleer an die Decke. Manch einer spielt mit einer Bierkapsel,ein anderer tippt Nachrichten in sein Handy. Das tiefe Gähnen eines mirgegenübersitzenden Mannes trifft mich wie ein Schlag, der alle forschen-den Sensoren in mir auf Touren kommen lässt. Langeweile- da ist sie!Ich beginne die Runde zu analysieren, skizziere die Körperhaltungen undbeobachte spärliche Bewegungen. Zusätzlich zur non- verbalen Botschaftder Körper sind es begleitende Kommentare wie Des kenn' ma scho." oder,, Immer's gleiche!", die mich in meiner Vermutung bestätigen. Alsbald ichalle Anzeichen dieser offensichtlich gelangweilten Menschenmenge notierthabe, driften meine Gedanken ab. Ich stelle mir vor, was sich in deren Köp-fen abspielt, woran sie gerade denken mögen, und spinne mir ein paar Ge-schichten zusammen.

Kurz drauf beschließe ich mich dem gedanklichen Gewirr zu entziehenund versuche meine Aufmerksamkeit wieder dem Redner zu widmen. Nach

1

Der Beitrag entstammt dem laufenden Forschungsprozess meiner Dissertation, die unter

dem Arbeitstitel Zur Aktualität von Langeweile steht. Er repräsentiert den Stand der Arbeitenzum Zeitpunkt der Tagung im Mai 2013.

281