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Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
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IRA SPIEKER

Unfassbares. Narration und Biografie im Kontextvon Flucht, Vertreibung und Neubeginn

Es ist ja so: Es muss irgendwo haften bleiben. Denn wenn ich mir jetzt mei-ne Urenkelchen ansehe, und ich denke, diese Kinder sind alle auf der Straßein der bitteren Kälte, ohne ein Ziel und irgendwas. Wenn ich mir das vor-stelle- das ist doch grausam! Und wenn das so leichtfertig hingenommenwird und gar keiner weiß, was ein Krieg bedeutet. Darüber muss man dochreden!

( Irmgard Neumüller,* 1932 in Schlesien)'

In Anbetracht der umfangreichen Literatur zu Flucht und Vertreibung und der( dokumentar-) filmischen Präsenz scheint die Forderung von Irmgard Neumül-ler mehr als erfüllt. Seit etwa einem Jahrzehnt stehen auch die sogenanntenKriegskinder die Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen- imMittelpunkt der medialen wie der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit.² Dabeihandelt es sich jedoch fast ausschließlich um ein westdeutsches Phänomen, umdiese schematisierende Zuordnung zu bemühen. Der Begriff Kriegskinder"spielte im offiziellen Sprachgebrauch der DDR eine geringere Rolle als in denalten Bundesländern, und auch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Generati-on" war wesentlich schwächer ausgeprägt. Daher scheinen hier auch wenigerderartige Erinnerungsgemeinschaften( wie Kriegskinder") zu bestehen bzw.

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Alle Daten wurden im Zusammenhang des Forschungsvorhabens Fremde- Heimat- Sachsengeneriert, bei dem die Transformationsprozesse im ländlichen Raum im Fokus stehen- imSpannungsfeld zwischen staatlich propagierter Integration und individuellen Adaptions-strategien bzw. Ausgrenzungen. Im Rahmen dieser Forschungen wurden archivalischeÜberlieferungsstränge auf kommunaler und staatlicher Ebene ausgewertet und darüberhinaus Interviews mit etwa 60 Gesprächspartnerinnen und-partnern geführt: mit Alt- undNeubürgern der Jahrgänge 1915 bis 1964 in der Oberlausitz sowie im Leipziger Land( Lebens-geschichtliches Archiv für Sachsen, ISGV, Teilprojekt 45: Neubauernfamilien). Die Namenaller Beteiligten sind anonymisiert, die zitierten Passagen für Veröffentlichungen sprachlichleicht überarbeitet. Zur Anlage des Forschungsprojekts und zentralen Ergebnissen: IraSpieker, Sönke Friedreich( Hg.): Fremde Heimat- Sachsen. Neubauernfamilien in derNachkriegszeit. Beucha, Markkleeberg 2014.

Exemplarisch seien hier genannt Hartmut Radebold: Kindheiten im II. Weltkrieg und ihreFolgen. Gießen 2013; Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechenihr Schweigen. München 2004; Dies.: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation.Stuttgart 2009.

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