ELISABETH TIMM
Wissenschaft im Affekt.
Eine subjekttheoretische Kritikzu Szenografie und Autoethnografie
Dass Gefühle sich historisch wandeln und gesellschaftlich wie kulturell geformtund repräsentiert sind, und dass die Natur- Kultur- Dichotomie nicht mehr dieeinzige ertragreiche Möglichkeit zu ihrer Erforschung ist, ist ein natur- wie kul-turwissenschaftlich formulierter Befund.' Dieser Beitrag widmet sich der Rück-seite dieses Konsenses, nämlich der Ontologisierung und De- Symbolisierungvon Emotionen unter dem Begriff des Affekts. Anders als Gefühl oder Emotionwurde der Affekt in unterschiedlichen psychologischen bzw. psychoanalyti-schen Zugängen als primär oder primordial, als nicht- kognitiv und( phylo- bzw.ontogenetisch) älter theoretisiert.² Affekttheorien haben dieser negativen Be-stimmung des Affektes weitere Kriterien hinzugefügt: Der Affekt ist nicht sym-bolisiert, nicht codiert, nicht bedeutet; er ist keine Repräsentation, sonderneine Maschine, das Mögliche schlechthin.³
Die Idee eines unmittelbaren sinnlich- psychisch- leiblichen Modus im Sub-jekt hat in Wissenschaft und Alltag stets zu Sorge wie zu Utopie Anlass gegeben:
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Nur zwei aktuelle Positionen aus der Hirnforschung und aus der Kulturanalyse:„ Genetischeund epigenetische Faktoren kooperieren in untrennbarer Wechselwirkung, weshalb einestrenge Unterscheidung zwischen Angeborenem und Erworbenen unmöglich ist."( WolfSinger: Was kann ein Mensch wann lernen? In: Ders.: Der Beobachter im Gehirn. Essays zurHirnforschung. Frankfurt a. M. 2002, S. 43-59, hier S. 47); Monique Scheer: Are Emotionsa Kind of Practice( and Is That What Makes Them Have a History?) A Bourdieuan Approachto Understanding Emotion. In: History and Theory 51, 2012, No. 2, S. 193-220. Es ist keinZufall, dass gerade die neuere kulturtheoretische Affektlehre weit hinter diesen Forschungs-stand zurückfällt, indem sie sich regelmäßig auf neurologisch- deterministische Positionenbezieht bzw. diese als basic emotions paradigm entwickelt, kritisch dazu: Ruth Leys: The Turnto Affect: A Critique. In: Critical Inquiry 37, 2011, No. 3, S. 434-472, passim, sowie Marie-Luise Angerer: Vom Begehren nach dem Affekt. Zürich 2007, passim.
2 Susanne Döll- Hentschker: Psychoanalytische Affekttheorie( n) heute- eine historische Annä-herung. In: Psychologie in Österreich 5, 2008, S. 446-455.
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Brian Massumi: Ontomacht. Kunst, Affekt und das Ereignis des Politischen. Berlin 2010.Massumi führt die Freud- Kritik von Gilles Deleuze und Félix Guattari weiter, deren Milleplateaux er ins Englische übersetzt und dabei in emphatischer Absicht mit einem affektivenAkzent versehen hat( Gilles Deleuze, Félix Guattari: A Thousand Plateaus: Capitalism andSchizophrenia. Übers. u. mit einem Vorwort von Brian Massumi. Minneapolis, London1987).
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