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Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
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VALESKA FLOR

Emotionen im Erzählen

Zur narrativen( Re-) Konstruktion

und Bewältigung von Verlusterfahrungen

Emotionen sind selbstverständlich. Menschen fühlen. In der Regel wird überdas Fühlen, Empfinden hinaus nicht mehr weiter über die in Körper und Psychestattfindenden Prozesse nachgedacht. Denn sie, die Gefühle, sind normal undnichts Außergewöhnliches. Sie sind Teil der menschlichen Existenz. Menschen,die nicht Mitgefühl, Liebe, Hass, Verlust, Trauer, Wut et cetera empfinden undnachvollziehen können, die weder biologisch noch sozio- kulturell dazu fähigsind, werden als abnormal eingestuft. In diesem Denkansatz ist auch gleichdie Zweiteilung der gesamten Emotionsforschung im 20. und 21. Jahrhundertimpliziert, nämlich die biologisch oder sozio- kulturell bedingte Zweiteilungvon Emotionen: Der eine Strang kann laut Jan Plamper folgendermaßen zu-sammengefasst werden: hart, unveränderlich, kulturuniversell, speziesüber-greifend, überzeitlich, biologisch, physiologisch, essentiell, basal, verdrahtet,hard- wired", der andere:, weich, antiessentialistisch, antideterministisch, sozi-alkonstruktivistisch, kulturspezifisch, kulturkontingent." Beim ersten Strang,vertreten von den Neurowissenschaften, der Medizin, der Psychologie- denlife sciences-, handelt es sich um die Idee und Annahme, dass Emotionen uni-versalistisch auszulegen seien:[ D] en einen zufolge sind die Gefühle der Men-schen über die Jahrhunderte gleichgeblieben( nur die Ausdrucksweisen hättensich geändert)." Kurz gesagt hieße das, der Mensch sei im Hinblick auf seineGefühle biologisch vorprogrammiert. Beim zweiten Strang, vertreten von denGeistes- und Sozialwissenschaften, wird im Gegensatz dazu davon ausgegan-gen, dass Gefühle ein soziales Konstrukt sind, die mit einer durch allgemeinhistorische Veränderungen bedingten Geschichte verknüpft sind.³

Everyone knows what an emotion is, until asked to give a definition." 4

Ein Faktor, der es erschwert, die beiden Stränge auf einen gemeinsamen Nen-ner zu bringen, ist die Definition von Emotion oder auch der Begriffe Gefühl,

1 Jan Plamper: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte. München 2012,

S. 13, S. 15.

2

Ebd., S. 15.

3

Ebd.

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