wie zahlreiche Einsatzformen von Tanz und Gesang beweisen, auf die si-cher unbestimmte Absicht, Gedanken zu ordnen und durch strikte Rege-lung der Praktiken, durch regelhafte Aufstellung der Leiber und besondersdurch leibliche Ausdrucksformen der Gemütsbewegung wie Lachen oderWeinen Gefühle zu suggerieren. Symbolische Wirkung dürfte auf der Machtüber andere und insbesondere über deren Leib und Glauben fuẞen, verlie-hen von der kollektiv anerkannten Fähigkeit, durch verschiedenste Mittelauf die zutiefst verborgenen verbal- motorischen Zentren einzuwirken, umsie zu neutralisieren oder um sie zu reaktivieren, indem man sie mimetischfungieren läßt. 23
Von hier aus wäre auch eine Praxeologie der Emotionen in Kirchenräumen zukonzipieren und zwar als eine Praxeologie, die das emotionale Handeln zumBeispiel im Gottesdienst immer auch als eine performative Realisierung be-stimmter symbolischer Ordnungen- der Gemeinde, der sozialen Beziehungen,der christlichen Moral oder der Heilsgeschichte- versteht. Dabei ist vor allemdas relevant, was Scheer als„ mobilisierende" sowie als„ regulierende“ emotio-nale Praktiken bezeichnet. 24 Im Kirchenraum werden Gefühle mobilisiert undreguliert, die die Beziehung zwischen Individuum und Transzendenz, den Platzdes Individuums im Kollektiv und die Form des Kollektivs bestätigen und mithervorbringen. Durch emotionale Praktiken wird – so könnte man sagen- derKirchenraum als Raum privater Andacht und öffentlicher Repräsentation reli-giöser Überzeugungen konstituiert. Denn die emotionalen Praktiken sind hierraumbezogen, sie werden gestützt durch ein materielles Arrangement und eineräumliche Ordnung 25- von der Position der Kirchenbänke und des Sanktuari-ums über die Situierung von Weihwasserbecken, Kreuzwegstationen, Altären,Bildern, über die Lichtführung, die Herstellung akustischer Räume durch Mu-sik oder Stille bis hin zu räumlichen Sonderformen wie dem Beichtstuhl, denman mit Bourdieu als ein Möbel charakterisieren könnte, das auf die Herstel-lung eines bestimmten körperlichen„ Induktorzustandes" abzielt: auf die räum-lich abgesonderte, individualisierte und individualisierende Knieposition, dieeine spezifische ,, Ordnung der Gedanken", eine spezifische Art der Gefühlspro-duktion und der Gefühlsäußerung nahelegt. 26 Denn„ aus praxistheoretischer
23 Ebd., S. 127-128.
24 Vgl. Plamper( wie Anm. 20), S. 314–317.
25 Zum Zusammenhang von Religion, Emotion und Materialität allgemein vgl. den Hand-buchbeitrag von John Kieschnick: Material Culture. In: John Corrigan( Hg.): The OxfordHandbook of Religion and Emotion. New York 2008, S. 223–237.
26 Zur Geschichte der Beichte vgl. Rupert M. Scheule: Kleine Geschichte des Buẞsakra-ments. In: Ders.( Hg.): Beichten. Autobiographische Zeugnisse zur katholischen Buẞpra-xis im 20. Jahrhundert. Wien, Köln, Weimar 2001, S. 16-38, sowie die originelle Studievon Berthold Unfried:„ Ich bekenne!" Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik.Frankfurt a.M. 2006, v.a. S. 30-143. Historische Fallstudien zur Beichte bieten beispielweise
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