Druckschrift 
Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
Entstehung
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Die Frühexpressionisten reagierten in Bild und Text auf die vor ihren Augenentstehende moderne Metropole und machten sie zu ihrem Material und- umnoch einmal auf William Reddy zurückzukommen, zu einem emotive, einemperformativen Element von Welt- bzw. Stadterfahrungen. Mit ihren künstleri-schen Artefakten schufen sie damit eine damals neue Form, Stadt zu imaginie-ren und wahrzunehmen. Doch diese einmal bereitgestellten Rezeptionsmodibestimmen bis in die Gegenwart maßgeblich Bild wie Vorstellung kreativer undrebellischer Urbanität.

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Ob im Mai 2013 am Kurfürstendamm das Café Grosz- benannt, natürlichnach dem expressionistischen Maler und Zeichner eröffnet wird, dessenFin- de- Siècle- Interieur mit künstlich, blinden' Spiegeln neuexpressive Kreativeanlocken soll, oder ob radikale Hausbesetzer in den 1980er- Jahren, expressi-onistische Straßenkampfgedichte schrieben, wie Michael Wildenhain- Wirsind die Flammen das Ticken der Steine/ Am Blech der Wannen tickendesGlas/ Wir sind das Brüllen Rennen und eine/ Nacht am Lausitzer Platz" 46, inbeiden Fällen ist ein Echo expressionistischer Gefühlsräume und Raumgefühlean der Konstitution der affektiven Topologie der Gegenwart beteiligt.

Diese Durchdringung gegenwärtiger Stadträume und-bilder mit expressio-nistischen Pathosformeln weist darauf hin, dass die Grenzen zwischen, Imagi-nation' und Wirklichkeit nicht mehr eindeutig gezogen werden können. Wenndieser Befund richtig ist, dann muss er als konstitutiver Teil auch der histo-rischen Rekonstruktion von Stadt und mehr noch des Raumgefühls der Stadtbetrachtet werden. Das bedeutet jedoch nicht nur, durch eine reflexive Perspek-tivierung der Stadt zu komplexeren Darstellungen zu gelangen. Zu akzeptieren,dass die Rekonstruktion affektiver Topologien nicht jenseits der eigenen Posi-tion im sozialen Raum der Stadt möglich ist, bedeutet vielmehr auch, Effekteder Reflexivierung als nicht hintergehbaren Teil der Versuche zu akzeptieren,durch die Stadt und städtische Entwicklung greifbar gemacht werden sollen.47Der Blick auf Stadt ist immer schon figuriert durch Narrative und Bilder, diesich als Ausdruck und Form des Urbanen und vor allem urbaner Gefühlsräume/Raumgefühle der Alterität tradiert haben. Solche Erzählungen und Visualisie-rungen stellen ein Repertoire von Figuren der Urbanisierung bereit, die auf denSchachbrettern von Metropolengeschichte immer neu verschoben werden.

46

Aus dem Gedicht Tag der Arbeit: Michael Wildenhain: Das Ticken der Steine. Berlin 1989,S. 90.

47 Vgl. hierzu auch Beate Binder: Figuren der Urbanisierung aus geschlechtertheoretischerPerspektive. In: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2012, Nr. 2, S. 92-100.

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