Aber ich muss sagen, trotzdem haben sie immer auch uns zusammen ge-nommen. Jeden Abend haben die sich hier mit den Kindern[ beschäftigt].Zuvor wurde sich hingesetzt, und dann wurden Lieder gesungen.[...] Dahaben die einfach fröhlich also fröhlich, ja!- Lieder gesungen mit uns.Das haben die mitgenommen und beibehalten.[...] Ja, und Bilderbücher,irgendwas, gab's ja nicht, das war ja alles weg. Da wurde eben alles auswen-dig gelernt, gesungen, und das hat irgendwie Geborgenheit auch gegeben- trotzdem.
( Käthe Giesler,* 1940 in Schlesien)
Mehrere Interviewpartner/ innen berichten, dass sie zumindest die Flucht eherals großes Abenteuer wahrgenommen haben, sie sind im Nachhinein geradezubeschämt, dass sie die Tragweite der Ereignisse bzw. das Leid ihrer Eltern nichterkannten.
Mangelnde Empathie- Erfahrungen waren ein generationenübergreifendesPhänomen: Kinder litten häufig unter fehlender Zuwendung. Die Mütter warenmit der Sicherung der familiären Existenz überlastet, in Sorge oder gar in Trau-er um den Mann oder andere Familienangehörige. Fast jedes dritte Kind wuchsvaterlos auf und musste frühzeitig Erwachsenenfunktionen übernehmen, warVertrauter eines Elternteils oder Mit- Versorger der Familie.
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Na eigentlich, wir wir waren immer erwachsen, wir Größeren, kannstdusagen. Wie wir hierher kamen, man war ja Kind, aber im Grunde ge-nommen-- ich sage, spielen haben wir nie gekonnt. Wir, wir waren in demSinne gar nicht Kind. Weil eben durch die ganze Flucht und dann die Armuthier. Ich sage immer, ich könnte nie Erzieherin sein, im Kindergartenoder was, weil wir selber nie spielen gelernt haben. Wir hatten garSpielzeug. Gab's nicht. Immer arbeiten, nur Arbeit, von Kind an.
kein
( Martha Leibelt,* 1931 in Schlesien)
Die Verpflichtung gegenüber dem( abwesenden) Vater stellte eine Art, Bewäh-rungsprobe dar; die zuerkannte Verantwortung( Unterstützung der Mutter,Achtgeben auf jüngere Geschwister, Beitrag zum Lebensunterhalt) war Aus-zeichnung und Belastung zugleich. 20 Der ferne oder gar gefallene' Vater wurdeglorifiziert. Sofern ein realer Mensch, physisch und psychisch von den Folgendes Krieges gezeichnet, nach Hause zurückkehrte, herrschten zunächst häu-fig Enttäuschung, Verstörung und Entfremdung vor: Anstelle der erwartetenLichtgestalt erlebten Kinder ihren Vater nun krank und schwach. Die evange-
20 Jürgen Reulecke: Die wiedergefundene Vergangenheit. Generationelle Aspekte der neuerendeutschen Erinnerungskultur. In: Carsten Gansel, Paweł Zimniak( Hg.): Kriegskindheitenund Erinnerungsarbeit. Zur historischen und literarischen Verarbeitung von Krieg und Ver-treibung. Bamberg 2012, S. 15-30, hier S. 20 f.
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