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Emotional turn?! : europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten : Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai - 1. Juni 2013
Entstehung
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eines Menschen hört nicht nach der Kindheit auf. Durch die Bewegung in ver-schiedenen gesellschaftlichen Feldern, durch Migration und soziale Mobilitäteignen sich Menschen im Laufe eines Lebens neue Gewohnheiten an. Die Träg-heit des Habitus bedeutet dann auch, dass ein Individuum nicht komplett vonseiner gegenwärtigen Gesellschaft geformt wird, sondern seine Geschichte mitsich trägt. Der Habitus fungiert dann sogar als Gegengewicht zur Gesellschaft,denn- wie die säkularen Musliminnen berichtet haben- er folgt nicht jederVeränderung der umgebenden Gefühlsnormen, zumindest nicht sofort. DasVerhältnis zwischen Habitus und Feld ist komplex und in Bewegung, und Emo-tionspraktiken tragen zu diesem Verhältnis bei.

Emotion als eine Praxis zu konzeptualisieren, die von einem Habitus pro-duziert wird, ermöglicht eine fundamentale Verbindung von Diskurs undKörperlichkeit. Der gemeinsame Nenner dieser beiden Faktoren könnte mitMaterialität umschrieben werden, denn Gefühle- wie vielleicht alle mentalenPhänomene, wie Erinnerungen und anderen Kognitionen 39- werden durch ma-terielle Anker sinnlich erfahrbar und somit verstärkt und gefestigt. MaterielleAnker können Körperbewegungen oder-aktivierungen sein; die Arbeiten desEmotionshistorikers William Reddy verdeutlichen, dass auch Sprache einensolchen Anker darstellt. In seinem theoretischen Rahmen für die historische Er-forschung von Emotionen argumentiert er, dass sprachliche Gefühlsäußerun-gen keine Abbilder innerer Zustände sind, sondern mit dem Zustandekommenvon Gefühlen verwickelt sind. Angelehnt an performative Sprechakte nennter emotionale Aussagen emotives und zeigt unter Hinzunahme von Forschun-gen aus der Kognitionspsychologie, dass es eigentlich unmöglich ist, davon zusprechen, dass wir zuerst ein Gefühl haben und es dann ausdrücken. Erfah-rung und Ausdruck sind in komplexer Weise verschränkt, vervollständigen sichgegenseitig, weshalb das Gebot der Aufrichtigkeit, die die Übereinstimmungvon Innen und Außen fordert," in der Praxis so schwer zu bewerkstelligen ist.Woher wissen wir, was wir fühlen, bevor sich das Gefühl materialisiert? Ohneeine Materialisierung im Körper ist eine Emotion kaum von einem Gedankenzu unterscheiden¹²; ohne die Materialisierung in Sprache bleibt Emotion diffus,

39 Siehe hierzu die Forschung zu embodied, grounded, distributed und/ oder situated cognition,z.B. Margaret Wilson: Six Views of Embodied Cognition. In: Psychonomic Bulletin andReview 9, 2002, H. 4, S. 625-636; Lawrence W. Barsalou: Grounded Cognition. In: AnnualReview of Psychology 59, 2008, H. 1, S. 617-645; Edwin Hutchins: Cognition in the Wild.Cambridge 1995; Philip Robbins, Murat Aydede( Hg.): The Cambridge Handbook of SituatedCognition. Cambridge 2009.

40 Vgl. Reddy( wie Anm. 30).

41 Diese Bestimmung in Anlehnung an Lionel Trilling: Das Ende der Aufrichtigkeit. Wien 1983.42 Hier argumentiere ich ähnlich wie William James: What is an Emotion? In: Mind 9, 1884,

S. 188-205, hier S. 193: If we fancy some strong emotion, and then try to abstract from ourconsciousness of it all the feelings of its characteristic bodily symptoms, we find we havenothing left behind, no, mind- stuff' out of which the emotion can be constituted, and that acold and neutral state of intellectual perception is all that remains."

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