Bestand, Erwerbung und
Sammlungsstrategie der Keramiksammlungdes Ethnographischen Museums
in Budapest
Gabriella Vida
Das Interesse für die volkstümliche Keramik erwachte in Ungarnparallel zur Entdeckung der Volkskunst, die infolge der verschiedenenWeltausstellungen in den Vordergrund der Aufmerksamkeit der Samm-ler und Forscher rückte. Die Entdeckung der Hausindustrie der Nationenauf der Weltausstellung in Paris 1867 inspirierte das Nationalmuseumzur Ernennung zweier Kustoden zwecks Sammlung von Objekten ausdem Hausgewerbe und aus dem Handwerk für die Weltausstellung inWien 1873 und für eine daraus resultierende ethnographische Samm-lung. Das Interesse an volkstümlicher Keramik seitens der Wissenschaf-ten war bei der angewandten Kunst und bei der Archäologie am größten.Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde die Dekoration der bür-gerlichen Wohnungen mit volkstümlicher Keramik eben unter dem Ein-fluss der Welt- und Nationalausstellungen zur Mode.
Anlässlich des Millenniums der ungarischen Landnahme, das heißtder Ankunft und des Sesshaftwerdens der ungarischen Stämme imKarpatenbecken 985, wurden groß angelegte Ausstellungen organi-siert. Ein Teil davon war das so genannte Millenniumsdorf, wo je einHaus aus jedem Gebiet bzw. jedem Volk des damaligen Ungarnsgebaut und mit vor Ort gesammelten Objekten ausgestattet wurde. EinFreilichtmuseum wurde in einem städtischen Park errichtet. DieGebäude wurden leider nicht erhalten, sondern nach der Feier abgeris-sen. Die Gegenstände hingegen wurden im Museum für AngewandteKunst aufgehoben. Die genaue Anzahl der Keramikobjekte der Mil-lenniumsausstellung ist nicht bekannt. In unsere Sammlung kamen1898 etwa 1700 Stück Hafnergeschirr, Steingut und Glas aus demMuseum für Angewandte Kunst.'
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Vgl. Kresz, Maria: A Néprajzi Múzeum Kerámiagyűjteménye. A kutatás és gyűjtés tör-ténete 1872-1972.(= Die Keramiksammlung des Ethnographischen Museums. DieGeschichte der Forschung und Sammlung 1872-1972). Néprajzi Értesítő 59. 1977,
S. 17-89.
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