Ein mittelalterliches Keramikaquamanile¹aus der Latrine im so genanntenAugustinerturm in Wien und seinekulturhistorische Stellung
Gabriele Scharrer- Liška
Einleitung
1999 wurden bei Bauarbeiten für die Errichtung eines Studiengebäu-des der Albertina von der Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäo-logie begleitende archäologische Untersuchungen durchgeführt, imZuge derer ein Turm der mittelalterlichen Stadtbefestigung sowie derzugehörige Stadtgraben zutage kamen.² Bei dem Turm handelt es sichum den so genannten Augustinerturm, der sowohl auf AugustinHirschvogels Südansicht der Stadt Wien aus dem Jahr 1547 als auchauf der Ansicht Wiens und seiner Umgebung von Hans Sebald Lauten-sack von 1558 abgebildet ist. Beide Darstellungen zeigen einen mas-siven Turm³, der an die Stadtmauer angebaut oder in diese eingefügtscheint. Vermutlich wurde er im Zuge der Stadterweiterung, welche abca. 1200 erfolgte, errichtet. Da für den Bau der Stadtmauer mit 19 Tür-men und des Grabens umfangreiche Arbeiten durchgeführt wurden,war die Stadterweiterung vermutlich erst Mitte des 13. Jahrhundertsabgeschlossen. Dabei wurde auch der ursprünglich unbenannte Augus-tinerturm errichtet. Geschleift wurde der Turm um 1600 im Zuge desAusbaus der Fortifikationen nach der Türkenbelagerung 1529.5
Im Bereich um diesen zunächst unbenannten Turm wurde 1327 aufInitiative Friedrichs des Schönen( 1289-1330) das ursprünglich beimWerdertor befindliche Augustinereremitenkloster angesiedelt. Bei derErrichtung der neuen Klosteranlage und Kirche waren Baumeister aus
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Das Aquamanile wurde erstmals in Scharrer 2002 vorgestellt. Neue Hinweise zum kul-turhistorischen Zusammenhang ließen eine weitere Publikation sinnvoll erscheinen.Vgl. Huber- Scharrer 1999; Huber 1999; Huber 2000.
Der Turm war zu ca. elf Meter in das Erdreich eingetieft erhalten.
4 Vgl. Hummelberger- Peball 1974, S. 14f.
5 Vgl. ebd., S. 29 ff.
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Vgl. Rennhofer 1956, S. 36 ff., 41 ff. und 53.
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