Druckschrift 
Tourismus und Regionalkultur : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1992 in Salzburg
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

280

Kurt Conrad

weniger intakten Bestand an bodenständiger, aus ehemals gleichartigerWirtschafts- und Sozialstruktur gewachsener Baukultur, deren Erschei-nungsformen wir in dem Begriff Hauslandschaft zusammenzufassen ge-wohnt sind. Das Bild dieser Hauslandschaft ist für den vorwiegend ausStädtern zusammengesetzen Touristenstrom eine ganz wesentliche Teilan-sicht der Kulturlandschaft und damit der Regionalkultur, deren Erlebniser sucht. Die heutige alpine Landschaft stellt ein Kulturgut dar, dessenökologische Stabilität durch Maßnahmen der Naturerhaltung ebenso ge-sichert werden muß wie durch Anpassungsleistungen an ihren überliefer-ten Kulturhaushalt.9 Man kann es daher weder den Pionieren des Frem-denverkehrs noch den Bausachverständigen verargen, wenn sie bestrebtsind, die Bauaufgaben des Tourismus unter Zuhilfenahme bodenständi-ger Vorbilder zu lösen. Die abwertende Bezeichnung Lederhosenstil" fürderartige Versuche ist fehl am Platze, solange sie im Ausmaß bescheidenbleiben und das bodenständige Vorbild in der Gesamtgestaltung nichtsprengen, ganz abgesehen davon, daß eine Lederhose ja ein recht prakti-sches, zeitloses und nahezu unverwüstliches Kleidungsstück ist. Die alten,, Tauernhäuser", die dem im Mittelalter so lebhaften Saumhandel überdie Hohen Tauern als Unterkunft dienten, 10 waren einfache Bauernhäu-ser, wie das heute noch bestehende Rauriser Tauernhaus( Abb. 2) oderdas Tauernhaus Spital" im Felbertal, dessen Hausname noch an seineeinstige Funktion erinnert. Wenn das einst bescheidene Ausmaß dieser al-ten Herbergen verlassen wird, wenn aus Bauernhäusern drei-, vier- undmehrgeschossige Beherbergungsbetriebe entstehen, die man glaubt mit ei-nem alpinen Flachdach in die Hauslandschaft einbinden zu können, ist dieBezeichnung ,, Jodlerburg" freilich gerechtfertigt. Es verwundert in diesemZusammenhang immer wieder, daß sich die Architektenschaft der Nach-kriegszeit von wenigen Ausnahmen abgesehen- kaum jemals an den imLande ja durchaus auch vorhandenen unbäuerlichen Vorbildern orientierthat, wie sie z. B. in den alten Hospizen ,, Wiesenegg"( Abb. 3) und, Schaid-berg" an der für den frühneuzeitlichen Verkehr nach Venedig so wichtigenStraße über den Radstädter Tauern bereit standen. Auch manche Salz-burger Landschlösser, wie etwa das Weitmoserschlössl in Bad Hofgastein( Abb. 4), hätten sich als Vorbilder für neue Beherbergungsbetriebe geeig-

9

10

' Dazu Paul Messerli: Mensch und Natur im alpinen Lebensraum. Risken, Chancen,Perspektiven. Bern Stuttgart 1989.

Herbert Klein, Der Saumhandel über die Tauern. In: Mitteilungen der Gesellschaftfür Salzburger Landeskunde, Bd. 90( 1950), S. 37ff. und 50.