Die Eltern gaben selbstverständlich dennoch häufig unbewusst Informationenweiter, die ihre schrecklichen Erfahrungen andeuteten- und die Fantasie derKinder umso mehr anregten. Neben diffusen Angst- oder Schuldgefühlen wer-den dann auch die Trauer und der Wunsch nach Wiedergutmachung in Bezugauf die Vergangenheit auf die Kinder verlagert.26 Kinder selbst wollen aber nichtunbedingt wissen, was ihren Eltern zugestoßen ist. Dann haben sie auch einRecht darauf, nicht alles zu erfahren, denn sie benötigen in erster Linie Elternund keine Zeitzeugen.27 Eine weitere Sprachbarriere bilden Generationen-konflikte: Insbesondere zwischen Eltern und Kinder verhindern Abgrenzungs-bestrebungen oftmals den Austausch und die gegenseitige Wahrnehmung,während Großeltern und Enkel als„ natürliche Alliierte“ wieder miteinanderins Gespräch kommen können. 28 Die generative Phase( Ruhestand) befördertohnehin die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, verstärkt durch denVergleich mit der jeweiligen Altersstufe der heranwachsenden Großkinder.
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Jenseits von intergenerationeller Weitergabe bestehen jedoch auch indivi-duelle Dispositionen, die Schweigen als die beste Option erscheinen lassen, ummit dem Erlebten weiterhin leben zu können und durch die Abspaltung/ Abkap-selung der Ereignisse Frieden zu finden. Und auch in vielen Erzählungen gibtes eine Grenze: Unfassbares ist dann auch unsagbar. Formelhafte Bewertungen,die nicht vollendet werden, deuten darauf hin:„ Das war schon..."( ChristaDruskat,* 1926 in Schlesien).
Die gesellschaftlichen Umbrüche in der Nachkriegszeit verlangten in derSBZ/ DDR insbesondere den Älteren erhebliche Anpassungsleistungen undIdentifikationsumdeutungen ab. Zwar bestimmten vorerst Not und Überlebenden Alltag, allerdings in Verbindung mit sozialem Abstieg und Demütigungen.Waren es zunächst„ Schicksalsgruppen" wie die Ausgebombten,„ Umsiedler"oder„, Frauenfamilien“, über die sich Zugehörigkeiten definierten, sollte spä-ter der allgemeine Bildungsanspruch eine egalitäre Grundstruktur garantierenund das humanistische Potenzial nutzen. Die Statusgrenzen wurden durchläs-siger, das heißt, die Schichtzugehörigkeit spielte nicht länger die entscheidendeRolle.29
26 Christoph Seidler: Trauma, Schweigen und Erinnerung. In: Ders., Michael J. Froese( Hg.):Traumatisierungen in( Ost-) Deutschland(= Reihe Psyche und Gesellschaft). Gießen 2006,S. 29-66, hier S. 42 f.
27 Ebd., S. 40.
28 Albrecht Lehmann: Erzählen zwischen den Generationen. Über historische Dimensionendes Erzählens in der Bundesrepublik Deutschland. In: Fabula. Zeitschrift für Erzählfor-schung 1/2, 1989, Bd. 30, S. 1-25, hier S. 5.
29 Evemarie Badstübner- Peters:„,... aber stehlen konnten sie..." Nachkriegskindheit in derSowjetischen Besatzungszone. In: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 16,1993, Bd. 33, S. 233-272, hier S. 244.
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