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Volkskunde aus der Mitte : Festschrift für Olaf Bockhorn zum siebzigsten Geburtstag
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SEPP GMASZ

Der Saliterhof in Neusiedl am See

Eine Industriearbeitersiedlung aus dem frühen 18. Jahrhundert?

Am westlichen Stadtrand von Neusiedl am See liegt eine geschlossene Wohnsiedlung, diesich trotz ihrer lokalhistorischen Bedeutsamkeit den großen touristischen Besucherströmenentzieht und auch für nicht wenige Einheimische bis heute eine Art Terra incognita darstellt.Seinerzeit schon als unterprivilegierte Holdensiedlung" außerhalb der Marktmauern ange-legt, trägt der Saliterhof bis in die Gegenwart das Stigma gesellschaftlichen Außenseitertums,minderwertiger Wohnqualität, von Armut und Gefangenheit in einer Welt mit wenig Per-spektiven auf eine bessere.

Eine im Dezember 2011 vom Autor spontan durchgeführte Befragung von rund 100 Neusied-ler Personen nach gedanklichen Assoziationen mit dem Begriff, Saliterhof" erbrachte über-wiegend Begriffe wie: Armut, Hilfsarbeiter, primitive Glossar ::: zum Glossareintrag  primitive Häuser, verschworene Gemeinschaft,Stehlen.In den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten ist es im Saliterhof zu markanten baulichenVeränderungen gekommen, so dass sich die ursprüngliche Anlage nur noch in wenigen Bau-resten erkennen lässt. Lediglich ein einziges Haus stand bis vor kurzem noch in seinem Ur-zustand. Dieses Haus war Gegenstand einer historischen Bauforschung, die das Institut fürKunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege der TU Wien im Wintersemester2011/12 als Teil eines Studienprojektes zur historischen Bauforschung von Neusiedl am Seedurchführte.'

Die Initiative zu diesem Projekt ging vom Stadtarchiv Neusiedl aus. Als dessen Leiter hat esder Autor dieses Beitrages übernommen, historische, volkskundliche und soziologische As-pekte zur Geschichte des Saliterhofes aus archivalischen Quellen und Befragungen von Ge-währspersonen einzubringen. Sein Interesse an historischer Volkskunde ist nicht zuletzt demAdressaten der Festschrift gedankt, der einst als Dissertationsbetreuer sehr wesentlich dieBegeisterung für historische Alltagsforschung mitgeprägt hat.

Ursprung der Siedlung

Der Namen Saliterhof rührt von einem Salpeterwerk her, das sich seit der Mitte des 16. Jahr-hunderts auf diesem Ort nachweisen lässt. Der Begriff ,, Saliter" ist durch Umlautung aus demschon in der mittelalterlichen Alchemie gebrauchten, sal nitri" entstanden. Kaliumnitrat( KNO³) oder Salpeter war über Jahrhunderte das wichtigste Rohprodukt für die Herstellungvon Schwarzpulver. Es wurde aus der Vermengung von stickstoffreichen organischen Abfäl-len- vorwiegend Urin getränkte Mauern und zusammengetretener Mist( ,, Pocht) von Kuh-ställen- mit Pottasche gewonnen. Die aus Dung und Erde angelegten Haufen( ,, Saliterberge"oder, Pyramiden") wurden nach ein bis zwei Jahren mit Wasser ausgelaugt. Aus der Rohlau-ge gewann man in der Siederei den reinen Kalisalpeter.

Die Salpeterwerke unterstanden einem königlichen Regal, die Besitzer von Salitereien(, Sali-

Erste Ergebnisse der Bauforschung zum Saliterhof liegen in einer Expertise vor, die Gerold Eẞer gemeinsammit Gerhard A. Stadler und Sepp Gmasz als Grundlage für eine Revitalisierung des Hauses Nr. 17 im Dezember2011 verfasste. Unveröffentlichtes Manuskript.

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