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Volkskunde aus der Mitte : Festschrift für Olaf Bockhorn zum siebzigsten Geburtstag
Entstehung
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MARTIN SCHARFE

Die Welt wird lauter mit jedem Tag.

Lärm- eine vernachlässigte Dimension in Kultur und Kulturwissenschaft

Introitus

Im 8. Heft der Zeitschrift mit dem bezeichnenden Titel, Recht auf Stille"- im 1. Jahrgangim Jahre 1909 war ein Gedicht abgedruckt, das uns mitten hinein in das Thema des Lärmsund des Lärmens führt. Es ist überschrieben ,, Frei nach Uhland" und bezieht sich auf LudwigUhlands Gedicht Frühlingsglaube", das der schwäbische Dichter am 21. März 1812 nieder-geschrieben und im folgenden Jahr erstmals veröffentlicht hatte¹: Die linden Lüfte sind er-wacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht,/ Sie schaffen an allen Enden./ O frischerDuft, o neuer Klang!/ Nun, armes Herze, sei nicht bang!/ Nun muß sich alles, alles wen-den!"

Die zweite Strophe läßt Uhland mit den verheißungsvollen Versen beginnen: Die Welt wirdschöner mit jedem Tag,/ Man weiß nicht, was noch werden mag,/ Das Blühen will nichtenden." Doch diesem optimistischen Frühlingsblick war nun, ein Jahrhundert später, einüberaus kritischer Einwurf entgegengestellt mit der Kontrafaktur:

,, Die Welt wird lauter mit jedem Tag,/ Man weiß nicht, was das werden mag,/ Das Lärmenwill nicht enden;/ Es lärmt im fernsten, tiefsten Tal,/ Selbst auf den Höh'n Skandal undQual, Und nimmer will sich's wenden." ²

Nehmen wir diese pessimistischen, ja verzweifelten Reimzeilen als Symptom einer neuenEmpfindlichkeit, einer neuen kulturellen Stimmung, die sich da in den Jahren vor dem ErstenWeltkrieg zunächst nur zaghaft bildet und ausbreitet, so stellt sich ja sogleich die Frage: Wassind die Ursachen dieser neuen kulturellen Tendenz? Ist sie von einer wirklichen, also gleich-sam meẞbaren³ Zunahme des Lärms im täglichen Leben angestoßen worden, oder ist sie aufeine eher gefühlte, aber dennoch erlittene größere Nervosität des Sinnesorgans zurückzufüh-ren; oder, so mutmaßen wir doch sofort, haben wir es nicht mit zwei Entwicklungen auf ob-jektivem wie auf subjektivem Gelände zu tun, die sich ergänzen und entsprechen? Und natür-lich können wir die Frage nach der seinerzeit für möglich gehaltenen Praxis nicht unterdrü-cken: Die Frage nach den technischen, gesellschaftlichen, juristischen Möglichkeiten, Lärmzu reduzieren- und zugleich jene andere Frage nach der Möglichkeit( und Wünschbarkeit)einer kulturellen Taubheit, die sich die Individuen anzudressieren hätten.

1

Vgl. Ludwig Uhland: Gedichte. Hg. von Hans- Rüdiger Schwab. Frankfurt a. M. 1987, S. 374.

2 Recht auf Stille. Der Antirüpel. Antirowdy[ etc.]. 1. Jg., Nr. 8( Juni 1909), S. 243. Die Quellenangabe lautet:,, Aus einem Artikel, Der Antilärmverein im Zentral- Anz. f. Magdeburg."

Ich sage, gleichsam meßbar' nicht nur aus historischer Rücksicht( unsere heutigen Meßmöglichkeiten warenum 1900 noch nicht bekannt), sondern auch aus der prinzipiellen Überlegung heraus, daß die sozusagen totephysikalische Größe Lärm auf ein lebendiges Lebewesen trifft. Ein endlos über mir kreisender Helikopter, derMotormäher meines Nachbarn, die Schallsumme des Autobahngedröhns, das in mein Schlafzimmer dringt,mögen nach ihren Dezibel- Meẞdaten nicht gravierend sein: aber diese Lärme machen mich kaputt, ich kann esnicht anders sagen. Als objektive Einführung in das weite Feld der akustischen Wahrnehmung vgl. die kleineSkizze von Hans- Peter Zenner: Töne aus dem Ohr: der kleine Mann, der Motor und die Dezibel oder: DieSchallverarbeitung des Ohres. In: Thomas Vogel( Hg.): Über das Hören. Einem Phänomen auf der Spur. Tübin-gen 1996, S. 113-121.

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