HERMANN STEININGER und HERMANN ZUCKER
Volkskultur und Volkskunde im Verwaltungsbezirk Hollabrunn, NÖEin wissenschaftsgeschichtlicher Beitrag mit Beispielen von den Dreißiger-jahren des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit knapp nach dem 1. Weltkrieg
Die Entwicklung der Volkskultur in Niederösterreich ist im Rahmen der Geschichte des Fa-ches Volkskunde schon öfter beschrieben worden.' Es sind dies jeweils mehr oder wenigerungleichartige, vielfach landschaftsübergreifende Darstellungen, die nach der Mitte des 19.Jahrhunderts immer wieder in Folge von Sammelleistungen meist Einzelner entstanden odervon Institutionen getragen wurden und sozusagen mehr oder weniger gute Übersichten botenund vorläufige Bilanzen zogen; nicht zuletzt bzw. vor allem wollten sie anregen, weitereQuellen zu sammeln. Die Auswahl und insbesondere die Interpretation dieser Quellen warjeweils dem zeitgemäßen fachlichen Standard angepasst² und die Frage lautete: Welche Kon-zepte hatten an der Volkskultur Interessierte, wann, wo etc. und welche Möglichkeiten erga-ben sich daraus?
Wir haben hier nicht vor, die älteren Quellen des 19. Jahrhunderts aufzuzählen, zu ordnenund zu besprechen, also die„ vorwissenschaftliche" Sammlung und Beschreibung von Landund Leuten zu behandeln, wie sie uns bis in die Zeit der Reisebeschreibungen mehr oder we-niger geläufig ist, sondern wir wollen uns eher auf jene Zeiträume und Abläufe konzentrie-ren, die nach der Jahrhundertmitte in Erscheinung treten. Es ist dies jener Zeitraum, in wel-chem sich fachspezifische Sammelleistungen und allgemeine regionalkundlich orientierteÜbersichten vermehrt in unser Gesichtsfeld drängen.
Die Beschäftigung mit niederösterreichischer Volkskultur ist sehr verschieden verlaufen. Esgab Regionen, in denen im Lauf der Zeit Unterschiedliches gesehen und relativ viel aufge-zeichnet wurde; demgegenüber müssen wir aber auch von sozusagen regionalen„ Leerräu-men“ reden. Erste landeskundlich anzusprechende Darstellungen seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts( Wenzel C. W. Blumenbach, Schweickhardt von Sickingen, die Kirchliche To-pographie...) hatten zunächst größere Raumeinheiten überschaubar gemacht und gelegentlichneben historischen, genealogischen, herrschafts- und wirtschaftskundlichen Informationen³auch volkskulturelle Erscheinungen, darunter etwa auch philologisch- mundartkundlichesMaterial, wenn zum Teil nur überblicksmäßig und sehr knapp, wenig in Details gehend auf-
1 Vgl. die Zusammenstellungen bei Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. 1. Bd. m. 6 Ktn. imText u. 65 Abb. auf Taf. Horn 1966, S. 15-52; Hermann Steininger: Heimat- und Volkskulturforschung in Nie-derösterreich. Forschungsgeschichte und Forschungsstand. In: Festgabe des Vereins für Landeskunde von Nie-derösterreich. Zum Ostarrichi- Millenium. Red. v. Helmuth Feigl. 2. T. Wien, Horn 1996(= Jahrbuch für Lan-deskunde von Niederösterreich, N. F., 62/2), S. 605-620.
2 Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie. 2., aktualisierte Aufl. München, Sinzheim2003(= C. H. Beck Studium), S. 64.
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Erinnern möchten wir hier an eine 1780 publizierte Umfrage mit dem Titel„ Leitfaden, nach welchem allehierländigen, wohlgesinnten und eifrigen Patrioten über die physikalisch- politisch- und ökonomische Beschaf-fenheit der verschiedenen Landesviertel, Gegenden oder Bezirke von Niederösterreich zuverlässige Nachrichtenzu sammeln, und, allenfalls, in Gestalt besondrer Landesbeschreibungen, an die Kaiserl. Königl. N. Oe. Öko-nomische Gesellschaft einzusenden eingeladen werden. Wien, 1780."
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