Druckschrift 
Volkskunde aus der Mitte : Festschrift für Olaf Bockhorn zum siebzigsten Geburtstag
Entstehung
Seite
159
Einzelbild herunterladen
 

BURKHARD PÖTTLER

Soziotop und Wissensproduktion.

Zur frühen Phase der österreichischen Hausforschung im Rahmen derAnthropologischen Gesellschaft in Wien

Einleitung

Die Hausforschung hat als Teilgebiet der Volkskunde/ Europäischen Ethnologie/ Kulturan-thropologie oder unter welch anderen Namen unser Vielnamenfach firmiert, in den letztenJahrzehnten an Bedeutung stark verloren. Das mag zum einen am vielzitierten Paradigmen-wechsel und seinen Folgen liegen, das liegt jedoch auch am schwindenden historischen Bau-bestand und an einer zunehmenden technischen Spezialisierung der Hausforschung, die-selbst dort, wo sie sich nicht als dezidierte Bauforschung versteht- zunehmend Wissen er-fordert, das kaum mit geistes- bzw. kulturwissenschaftlichen Studien kompatibel erscheint.Im Folgenden werde ich die frühe Phase der Hausforschung in der österreichisch-ungarischen Monarchie zwischen ca. 1890 und 1910 analysieren, also in jener Phase derVolkskunde, die Vera Deißner im Anschluss an Thomas S. Kuhns ,, Struktur wissenschaftli-cher Revolutionen 1 als erste Paradigmatisierungsphase" bezeichnete und in die Jahre1891-1919 datierte.²

Das zunehmende gesellschaftliche Interesse an Volkskunst und vernakularer Architektur( inder zeitgenössischen Literatur in der Regel durchaus unscharf als Bauernhaus" tituliert) imletzten Drittel des 19. Jahrhunderts äußerte sich in der( Re-) Präsentation dieser Themen beiden Weltausstellungen, selbst wenn deren primäres Ziel die Demonstration von technischemFortschritt und Modernisierung war. Diese Hinwendung zu den Objekten der Ursprünglich-keit", des Echten" und wie immer die Zuschreibungen lauteten, der auch die Freilichtmuse-en zu einem Gutteil ihre Entstehung verdanken, kann im Sinne Joachim Ritters durchaus alsKompensationsstrategie im Zuge der zunehmenden Modernisierung gesehen werden.³ SchonAlois Riegl zog die Idee der Kompensation heran, wenngleich er als Grund für die Hinwen-dung zur Volkskultur nicht die Weltflucht", sondern den Bedeutungsverlust der bildungs-bürgerlichen Ideale und Werte in der Industriemoderne sah.

4

1 Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2., rev. u. um das Postskriptum von 1969 erg.Aufl. Frankfurt a. M. 2009(= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 25).

2 Vera Deißner: Die Volkskunde und ihre Methoden. Perspektiven auf die Geschichte einer tastend-schreitenden Wissenschaft bis 1945. Die Entstehung und Entwicklung des volkskundlich- methodologischenParadigmas im Spannungsfeld des gesellschaftlichen Diskurses bis 1945. Mainz 1997(= Studien zur Volkskul-tur in Rheinland- Pfalz, 21), S. 121, 124.

3 Joachim Ritter: Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft. In: Subjektivität. SechsAufsätze. Frankfurt a. M. 1989(= Bibliothek Suhrkamp, 379), S. 105-140, hier S. 131-133. Dabei hat jedochdie Hausforschung schon um diese Zeit nicht nur eine geisteswissenschaftliche, sondern ebenso eine ausgeprägttechnische Komponente. Hingewiesen sei auch auf den Erinnerungswert vernakularer Architektur, den StanfordAnderson für die zeitgenössische Architektur postulierte. Stanford Anderson: Erinnerung ohne Denkmäler:,, Vernakuläre Architektur". In: Ákos Moravánszky( Hg.), Das entfernte Dorf. Moderne Kunst und ethnischerArtefakt. Wien, Köln, Weimar 2002(= Ethnologica Austriaca, 3), S. 41-59, hier bes. S. 49–52.

4 Alois Riegl: Das Volksmäßige und die Gegenwart. In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde 1( 1895),S. 4-7; siehe dazu auch Anita Bagus: Volkskultur in der bildungsbürgerlichen Welt. Zum Institutionalisie-rungsprozeẞ wissenschaftlicher Volkskunde im wilhelminischen Kaiserreich am Beispiel der Hessischen Verei-nigung für Volkskunde. Gießen 2005(= Berichte und Arbeiten aus der Universitätsbibliothek und dem Univer-

159