NIKOLA LANGREITER
Zur Geschichte des Lustenauer EntbindungsheimsInteressen- Konflikte- Argumente
Den Universitätslehrer als Geburtshelfer zu bezeichnen, ist womöglich allzu pathetisch, abernicht unmöglich weit hergeholt. Mit vielen kleinen und höchstens auf den ersten Blick bana-len Beispielen war und ist Olaf Bockhorn in seinen Lehrveranstaltungen bestrebt, das Inte-resse für„, seine" Art der Europäischen Ethnologie zu wecken: In den frühen 1990er Jahrenetwa regte er mit dem wiederholten Hinweis darauf, dass dort, wo der Autobus der WienerLinie 13 A scharf um die Ecke biege, Spuren einer historischen Milchmeierei zu finden sei-en, die Studierenden zur erhöhten Aufmerksamkeit auf alltäglichen Wegen und für die Um-stände der je umgebenden Alltage an. Dabei ging und geht es ums Hinschauen und um dasgenaue Schauen: Schaf ist nicht gleich Ziege, auch wenn sie einander mitunter ähnlich se-hen.2
Olaf Bockhorn motiviert also zum Forschen im jeweils nächsten Umfeld- räumlich wiethematisch- inhaltlich-, hält die Studentinnen und Studenten aber auch immer wieder an, sichin abenteuerliche Feldforschung abseits des sogenannt Eigenen zu stürzen. Auf den Sprungin dieses kalte Wasser folgen auf den ersten Schreck meistens ganz brauchbare Erkenntnisseund jedenfalls kumulieren die Beteiligten methodische Kompetenzen. Bei den größeren Qua-lifikationsarbeiten gewährt der Lehrer- ganz wie die moderne Hebamme- den Betreutensowieso absolute Entscheidungsfreiheit und gesteht Souveränität hinsichtlich der Ansätzeund Methoden zu. Die prinzipielle Relevanz von divergierenden Interessen und damit ver-bundenen Konflikten – für jedes Themenfeld- wird dennoch klar vermittelt. Weniger sinddabei Modi des Kampfes im Mittelpunkt, als Prozesse des Ver- und Aushandelns. In diesemSinn sollen im Folgenden einige Aspekte der wechselvollen Geschichte des Entbindungs-heims Lustenau erzählt und in breitere Kontexte gestellt werden. Der Fokus ist dabei auf diegroßen Konflikte gerichtet, wie sie die Etablierung dieser Einrichtung in den 1920er Jahrenund ihre Deinstallation, die sich von Mitte der 1980er Jahre bis 2001 zog, begleiteten. DieRecherche bezieht mehrere Quellengattungen ein- nützt Archivalien, wie sie sich im Histo-rischen Archiv Lustenau erhalten haben-, Medienberichte und narrative Interviews.
Die umstrittene Etablierung
Um 1920 platzte das Armenhaus der Vorarlberger Gemeinde Lustenau aus allen Nähten. Dievierzig vorhandenen Plätze teilten sich achtzig bedürftige Menschen, die baulichen und hygi-enischen Zustände waren untragbar geworden und der Orden der Barmherzigen Schwester
1 Immerhin habe Sokrates sich als Hebamme gesehen. Anders als ein dozierender Lehrer habe er mit seinerVorgehensweise durch seine Fragestellungen nämlich- seinen Schülern geholfen, Erkenntnis und Einsichtgleichermaßen selbst zu„ gebären"; Helmut Meinhardt: Maieutik II. In: Historisches Wörterbuch der Philoso-phie. Bd. 5. Basel 1980, Sp. 638.
Vgl. nur z. B. die Tiere( Ziegen!), wie sie im Film„ Padre Padrone"( Drehbuch u. Regie: Paolo Taviani, Vitto-rio Taviani, Italien 1977) zu sehen sind. Wir setzten uns mit diesem und weiteren Filmen und der Frage inwie-weit sie Quellen in der Europäischen Ethnologie sein könnten im Rahmen einer Lehrveranstaltung von OlafBockhorn und Wolfdieter Zupfer auseinander.
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