KONRAD KÖSTLIN
Essen als Lifestyle- Inventar und die Bekennergesellschaft:Fundamentalismus?
Keine Publikumszeitschrift kommt heute ohne eine in mehrerer Hinsicht farbige Rubrik fürKulinarik aus. Das sind keine traditionellen Kochrezepte mehr, wie noch vor Jahren, sondernkontextversessene Anweisungen für den Lifestyle. Ob sie nun als Rubrik„, eatdrink" und,, Schönertrinken", oder als„ Kulinarium" auf dem Kultursender Öl einen festen Sendeplatzhaben und gehört werden, ob sie als„ Schöner leben“ oder„ Du bist, was Du isst" bei ATV zusehen sind: ihre Zielrichtung ist eine neue, und die scheint nun auch auf ein männliches undoft auch ein junges Publikum zu zielen. So hält Kulinarik längst auch in HochkulturblätternKolumnen besetzt, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit gesellschaftsphilosophischangereicherten Texten von Jürgen Dollase oder in der wöchentlichen„ Freitagsküche“ derSüddeutschen Zeitung. Weniger angestrengt gehört auch die neue und alpin grundierte Zeit-schrift ,, Servus" dazu, die in Österreich, der Schweiz und Bayern und Baden- Württemberggelesen wird. Der TV- Sender ,, Servus“ spricht bei der Wettervorhersage schon von einem,, Servus- Raum“. Ohne regionale Spezifik sind„ Landlust“ und„ Landleben" voller Köstlich-keiten, einfach heimatlich- ländlich grundiert. Sie alle liefern den Kontext gleich mit: Formender Einrichtung ebenso wie die Freunde unterm Apfelbaum werden zu Accessoires des Es-
sens.
Und da gibt es neue Vorlieben, die sich in diesem Feld anhaltend breit machen und die Jah-reszeiten neu kolorieren. Nein, ich meine nicht allein das herbstliche und so ,, feine Kür-bissüppchen mit Ingwer und Obers“, das in den In- Lokalen in aufwändigen Gefäßen aufge-tischt wird. Ich rede von dem grünen Bärlauch. Der ist, ähnlich wie der Kürbis schon seiteinigen Jahren, als„, Bärlauchküche" zwischen zwei Buchdeckel( Hardcover) geklemmt. Erhat sich die Frühlingsküche so sehr erobert, dass es schwer fällt, diese grüne Suppe zu umge-hen. Eben war in Deutschland eine Familie auffällig geworden, als sie in einem Wald mit 12Säcken des Gewächses angehalten wurde. Deren Inhalt von 85 Kilo war als Eigenbedarf de-klariert worden. Denkt man an den Jahresbedarf monomaner Freaks, mag das stimmen. InWien blüht wie in München oder Hamburg nicht nur der Bärlauch selbst, sondern auf denSpeisekarten auch die Bärlauchfantasie. Nun hatten manche geglaubt, die Euphorie um denWaldknoblauch halte nicht lange an. Das Gewächs, das man auch auf dem Naschmarkt oderdem Rochusmarkt in Wien kaufen kann, findet sich nun beim Discounter Lidl ein, der denBio- Bärlauch, frisch in homöopathisch dosierte Klarsichtportionen verpackt, anbietet. DerleiAnkünfte bei den Discountern( Gravad Lachs, Champagner zu Silvester etc.) sind immer einHinweis darauf, dass ein Geschmack sich durchgesetzt hat, populär ist, angekommen ist, wieman zu sagen pflegt. Gläser mit Aufstrichen, Pesto und Soßen aus Bärlauch reihen sich beimWiener Meinl in den Regalen. In kaum mehr als 10 Jahren hat der Bärlauch eine erstaunlichnachhaltige Karriere gemacht. Wiener Kollegen, Experten, holen sich das Gewächs nicht ausdem Wiener Prater; sie ziehen hundefreie Zonen vor. Die Süddeutsche Zeitung informierteeben- der Jahreszeit und ihren Informationen angepasst- darüber, dass sich die Pflanze ver-breite ,,, indem sich ihre Saat, mit Lehm vermischt, an Tierpfoten festsetzt." So bleibt dieHoffnung, dass nur Klauentiere den Wienerwald bevölkern mögen.
37