ULRIKE KAMMERHOFER- AGGERMANN
,, Stoff der Träume" und Alpträume
Neue Akten zum Salzburger Trachtenverbot 1938-1940
2011 betitelte der aus Salzburg stammende Filmemacher Othmar Schmiderer seinen Filmüber die Facetten der Tracht als„, Stoff der Heimat“. Ein vieldeutiger Titel, der über die reinmaterielle Bedeutung des Wortes weit hinausgeht und vieles assoziieren lässt. Und tatsäch-lich war und ist das, was wir heute unter„, Tracht“ verstehen,„, der Stoff, aus dem die Träumesind". Nämlich bis heute die Träume unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und ebensol-cher Werthaltungen und Zielsetzungen. Die Träume von heiterer Sommerfrische und Landle-ben, von geordneter hierarchischer Gesellschaft, sittlicher Ordnung und funktionierenderSozialökonomie. Aber auch die Träume vom„ Ahnenkleid der Väter" im„ TausendjährigenReich" rassisch determinierter„ Deutscher", die für jene, die nicht als dazugehörig definiertwurden, zum Alptraum werden sollten. Durch diese politisch instrumentalisierte Suche nachden ,, Wurzeln" und deren Inszenierung im autoritären Ständestaat wie im totalitären Natio-nalsozialismus wurde der„ Stoff" dann auch zum völkischen Suchtgift, an dessen Nachwir-kungen noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zu leiden und aufzuarbeiten war.Während rund um die Sommerfrische( seit dem 19. Jahrhundert) und frühen Salzburger Fest-spiele( besonders 1922 bis 1936) die Trachtenmode ein Spiel mit Mode, Nostalgie, Verklei-dung und Lokalkolorit darstellte, war Tracht bereits seit Jahren in Trachtenvereinen und( deutsch-) nationalen Kreisen mit„ Volk und Heimat“,„ Blut und Boden" gleichgesetzt wor-den. In politischen Systemen, die auf eine ausgeprägte Habitusbildung setzten, zu welcherauch Körperhaltung und Körpergestaltung sowie Uniform und Abzeichen gehörten, warKleidung ein bedeutsamer Faktor der Identifikation. Trachten der Stände und Volksgruppen,Dienstuniformen und Livreen, eine Fülle militärischer Uniformen- das alles waren aus derZeit vor dem Ersten Weltkrieg noch selbstverständliche sichtbare Zeichen von Zugehörigkei-ten. So ist es nicht verwunderlich, dass vom Ende der Monarchie an auch alle politischenGruppierungen ihre Dresscodes- einmal offen, einmal chiffriert- verwendeten. Kleidungs-stücke und Accessoires, die mit„ Volk“ und„ Heimat" bzw. mit dem Image ländlich heilerWelt in Verbindung gebracht werden konnten, waren in dieser turbulenten Zeit der Auflösungund Umbrüche besonders Erfolg versprechend.
1,, Stoff der Heimat". Dokumentarfilm, HDCAM/ DCP 97 min. Dolby SR 5.1. Regie& Kamera: Othmar Schmi-derer, Idee: Elsbeth Wallnöfer, Konzept: Othmar Schmiderer& Elsbeth Wallnöfer, Produktion: o. schmidererfilm- produktion, Verleih: Stadtkino Wien, Hergestellt mit Unterstützung von: ORF Film/ Fernsehabkommen, ifaustria federal arts bmukk, Autonome Region Trentino- Südtirol, Land Niederösterreich, Salzburg, Steiermark&Wien Kultur. Welturaufführung bei der Viennale 2011( 49. Vienna International Film Festival 20.10.-2.11.2011).„ Stoff der Heimat" erhielt beim Trentino Filmfestival/ Concorso Competition 2012 den Preis desMuseo Usi e Costumi della Gente Trentina Award for the best documenting the traditions and costums ofmountain people with ethno- anthropological accuracy. Weiters Teilnahme am IDFA 2011( InternationalDocumentary Film Festival Amsterdam), der Diagonale 2012( Festival des österreichischen Films), Fünf- Seen-Festival 2012.
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