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Volkskunde aus der Mitte : Festschrift für Olaf Bockhorn zum siebzigsten Geburtstag
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FRANZ GRIESHOFER

Volkskunde aus der Mitte

Zum siebzigsten Geburtstag von Univ. Prof. Dr. Olaf Bockhorn

Für Olaf Bockhorn bilden Romane wichtige Quellen in der Kulturwissenschaft.¹ Lassen Siemich daher mit einem literarischen Zitat beginnen:

,, Urban wusste, wie man einen Wagen richtig baute. Freilich war es möglich, einenWagen so herzustellen, wie die Fabriken es taten, den ganzen Wagen aus irgendeinemHolz, denn wer konnte in einer Fabrik die einzelnen Stücke aus vielen Hölzern heraus-wählen, sorgfältig nach der Art der Faserung und dem Wuchs. So ein Fabrikswagen,am Ende gar noch bunt gestrichen und lackiert, der war dann gut für eine Ausstellung,aber nicht dafür, den Sommer hindurch die Sonne auszuhalten und den Regen, und imWinter den Frost und den Schnee. Für einen Wagen, der das überdauern sollte undnoch mehr, durfte man nicht nur ein Holz nehmen, nein, fünf oder sechs oder mehrHölzer waren nötig, damit er zusammenhielt und Widerstand bekam. Für die Langwiedtaugte nur das zäheste Holz, Esche, oder die weniger harte, aber fast unzerreißbare Bir-ke. Die Langwied, das war wie das Rückgrat im Leib. Der ganze Wagen hing daran, siemusste den Zug aushalten, die Spannung zwischen Last und Rossen. Härter wie Kno-chen mussten die Achsen sein, selbst die Eiche hatte dem Eisen weichen müssen, dasjetzt die Achsklötze trug. Für die genügte auch Ulme oder Rotbuche, denn die Lang-wied kreuzte sie nicht nur an einer Stelle, sie war mit ihnen durch die Hagel und dieStangenarme aus Birkenholz verbunden.

Die Leitern, das Gestänge, Drittel und Waage, für die brauchte man zweierlei Holz, dasweiche Holz der Fichte und das standhaftere der Lärche. Eine rechte Deichsel aber soll-te nur aus Birke sein."

Diesen Einblick in die Materialität eines Leiterwagens liefert uns Imma Bodmershof in ihrem1944 verfassten Roman Die Rosse des Urban Roithner". Es ist verblüffend, mit welcherGenauigkeit Imma Bodmershof, geborene Imma von Ehrenfels( 1895-1982), die auf SchlossRastbach bei Gföhl wohnte, das harte Leben im Waldviertel schildert. Schritt für Schritt lässtsie den Leser daran teilhaben, wie Urban, nachdem er jahrelang abgelegenes Holz gefundenhatte, seinen Wagen baut. Nur die Eisenteile besorgt er sich beim Schmied. Als der Wagenfertig ist,

,,( geht er) um den Wagen herum und sah ihn an, ganz wild. Er trug noch das Bild desWagens in sich, wie er es die ganze Zeit über gesehen hatte, und nun stand der Wagenselbst da, gleich und doch anders. Er war es und er war es nicht. Er kannte jeden Teilvon ihm fast besser als sich selbst, jeder war aus seinen Händen gekommen, manchermit den Spuren seines Blutes, sein Schweiß und sein Leben steckten darin, und er er-kannte auch den Wagen als den seinen. Aber zugleich war er ein Ding für sich gewor-den, beinahe fremd und nicht zu erkennen."

Einfühlsamer kann man die Beziehung zwischen Mensch und Objekt nicht ausdrücken.

1 Lehrveranstaltung SS 2002: Übung- Literatur( Romane) als Quelle für Kulturwissenschaften.

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