ROSWITHA ORAČ- STIPPERGER
Silvester: ein ,, bewegliches Fest"?
Übergangsriten und was daraus werden kann
Zur Arbeit an einem Volkskundemuseum zählt neben der Erschließung der Sammlung, nebenwissenschaftlicher Projektarbeit und Ausstellungstätigkeit auch jenes unspektakuläre Tages-geschäft, das sich mit einer Fülle unterschiedlicher Anfragen beschäftigt, die auf elektroni-schem oder telefonischem Weg aber auch persönlich vorgebracht werden und die entwederspontan zu beantworten sind oder entsprechende Recherchearbeiten nach sich ziehen. DieIdentifizierung und inhaltliche Zuordnung unbekannter Objekte gehört hier ebenso dazu wievielfältige Fragen zur immateriellen Kultur. Das Themenspektrum ist in mehr als dreißigDienstjahren ein sehr breites geworden und hat sich im Laufe der Zeit auch immer wiederverändert. Seit einigen Jahren nun taucht kurz vor dem Jahreswechsel eine bestimmte Anfra-ge auffallend häufig auf: Vertreter lokaler und regionaler Printmedien, Rundfunkjournalistenaber auch interessierte Privatpersonen aus verschiedenen Regionen des Bundeslandes erkun-digen sich nach den historischen Hintergründen und den wichtigsten Charakteristika einesangeblich„, alt überlieferten“ steirischen Brauches: Bauernsilvester.
Will man Auskunft darüber geben, wird man vergeblich in der entsprechenden Fachliteraturnachschlagen. Vor allem im Hinblick auf den von den Fragenden häufig betonten Hinweisauf die lange Tradition des Brauches, irritiert dieser Umstand vorerst. Weder bei Viktor Ge-ramb noch bei Sepp Walter und anderen Autoren, die sich mit Bräuchen im Jahres- oder Le-benskontext in der Steiermark beschäftigt haben, finden sich Hinweise auf Bauernsilvester.Grund genug, sich diesem gegenwärtig offensichtlich sehr beliebten und verbreiteten Phä-nomen anzunähern.
Dazu wurden Veranstaltungsankündigungen und-einladungen sowie Pressemeldungen inden Printmedien sowie Internetauftritte der vergangenen Jahre ausgewertet, die regionaleVerbreitung innerhalb des Bundeslandes untersucht und Statements von Veranstaltern undTeilnehmern eingeholt und analysiert. Schon nach kurzer Recherche zeichnete sich ab, dassBegriff und Inhalt stark divergieren. Zwei Fakten stehen auf den ersten Blick in absolutemWiderspruch zur Bezeichnung: es wird nicht dann gefeiert, wenn das alte Jahr tatsächlichendet und das neue beginnt, also nicht am letzten Tag des alten Jahres, dem Silvestertag,sondern einen Tag davor, am 30. Dezember, und es feiern- bis auf wenige Ausnahmen-nicht Bauern, sondern Jugendliche und Erwachsene unterschiedlicher sozialer Herkunft imdörflichen und urbanen Raum. Als weiteres Paradoxon erscheint die Tatsache, dass die meis-ten solchen Feiern, obwohl sie als„, alt überliefert" oder„, traditionell" angekündigt und be-schrieben werden, seit kaum mehr als einem Jahrzehnt, manche erst seit wenigen Jahren,bestehen.
Vieles erinnert an die Beobachtungen von Martin Scharfe, der Ähnliches am Beispiel desdoch wesentlich älteren Brauches des Advent( s) kranzes aufzeigt. Auch hier sind rasch Fest-stellungen wie„ uraltes Symbol" oder„, schon immer“ zur Hand und es werden vergangene
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