70
Gründerjahre
nebenbei bemerkt, im Vergleich mit späteren Vereinspräsidenten, diediese Funktion zum Teil rein formell bekleidet haben, durchaus keineSelbstverständlichkeit gewesen ist. Und zudem scheint Helfert, vonseiner gesellschaftlichen Stellung abgesehen, dem jungen Verein auchdurch seine langjährige einschlägige organisatorische Erfahrung nütz-lich gewesen zu sein: Schließlich war er, neben seiner offiziellenFunktion in der Zentralkommission, noch in einer Reihe privaterGesellschaften tätig gewesen und wirkte unter anderem von 1859 bis1868 als Präsident des„ Alterthums- Verein zu Wien“( später„ Vereinfür Geschichte der Stadt Wien“) und als Mitglied, Ausschussrat bzw.Vizepräsident in der„ Geographischen Gesellschaft“ und im„ Verein fürLandeskunde von Niederösterreich". So hat also der 35jährigeProtestant Haberlandt sehr gute und ganz pragmatische Gründe gehabt,den 75jährigen konfessionell linientreuen² Freiherrn ins Präsidiumseines organisatorisch noch wenig strukturierten jungen Vereins zubitten.
243
244
Zur ,, inneren Organisation" des Vereins
Mit der Gründung des„ Vereins für österreichische Volkskunde" am 20.Dezember 1894 war ein Anfang gesetzt- und kein kleiner, nimmt manetwa den Umfang des angesprochenen Personenkreises als Maßstab:Immerhin zählte man etwa am Tage der Konstituierung bereits 320 Mit-glieder; und diese Zahl nahm während des Jahres 1895 rasant zu: von502( Jänner) über 700( März) und 809( Juni) bis 950( Dezember); dannflacht die Entwicklungskurve ab, und Ende 1896 zählt der Verein 1139angemeldete Mitglieder,„ von denen bisher 1050 ihre Beiträgeabgeführt haben“. Von diesen gehörten„ 733 Niederösterreich[ also
243 Genaueres bei Perger( wie Anm. 231).
244 Die unterschiedliche konfessionelle Zugehörigkeit der beiden damaligen Hauptfunktionäresei doch angemerkt. Vor allem Wolfgang Brückner hat ja verschiedentlich auf das kon-fessionelle Moment als fachgeschichtliches Movens hingewiesen- und wenn dies auch in derGeschichte des Wiener Vereins kaum eine Rolle gespielt zu haben scheint, war, gewisser-maßen in der„, Vereinsräson“, eine gewisse konfessionelle Linientreue doch wohl opportun ineinem so„, unbestreitbar katholischen Staat", wie es die Habsburgermonarchie um die Wendevom 19. zum 20. Jahrhundert gewesen ist, nachdem die antiklerikalen Gesetze der liberalenÄra, die Anfang der siebziger Jahre zur Aufkündigung des Konkordats geführt hatten,„, längstausgehöhlt“ waren. S. Ernst Hanisch: Der lange Schatten des Staates. ÖsterreichischeGesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994, S. 214 f.