1. Gründerjahre
Die offizielle Gründung eines Vereins, seine konstituierende Versamm-lung also, die ihm seine Rechts- und damit Handlungsfähigkeit gibt,verdankt sich gewöhnlich dem mehr- weniger artikulierten, mehr- wenigerinformellen programmatischen und organisatorischen Handlungsfeldseiner Proponenten- Umständen also, in denen sich die Gründe seinerEntstehung wie auch seine Positionierung im gesellschaftlichen Ambientedeutlicher spiegeln als in jenem singulären Akt, der ihn als juristischePerson ins Leben ruft. Ihre Berücksichtigung bietet nicht nurGelegenheit, die wichtigsten Akteure und ihre Motive vorzustellen,sondern auch den ideen- und zeitpolitischen Rahmen und-handelt essich um die Institution einer( und noch dazu jungen') wissenschaft-lichen Disziplin- die fachinternen Anstöße der Gründung kennen zulernen. So soll hier das fachgeschichtliche und gesellschaftliche Umfeldder Konstituierungssitzung skizziert sein, in der am 20. Dezember 1894im Sitzungssaal des alten Wiener Rathauses in der Wipplingerstraße,, unter zahlreicher Betheiligung der besten Gesellschaftskreise" derVorhang für die Geschichte des„ Vereins für Volkskunde“ aufgeht.
Fachgeschichtliches Umfeld
Bereits Mitte Oktober 1894, so erinnert sich Michael Haberlandt in denersten ,, Vereinsnachrichten", war von ihm, Wilhelm Hein und MorizHoernes die Idee zur Vereinsgründung und damit zu einem Unter-nehmen gefasst worden, dessen„ Dringlichkeit und Ersprießlichkeit unsdamals von vornherein einleuchtete“ und„ mit dem unser Österreichgegenüber den anderen europäischen Culturländern im Rückstandewar. Tatsächlich konnte eine Reihe von Vorbildern und Pendants
1 Michael Haberlandt: Die Constituierung des Vereins. In: ZföV 1, 1895, S. 28-29, s. S. 28;siehe auch das„ Protokoll der Constituirenden Versammlung am 20. December 1894“( Protokollführer: Robert Sieger), Archiv des Vereins für Volkskunde(= AVV), K 1, M 1.2 Michael Haberlandt: Die Gründung des Vereins. In: ZföV 1, 1895, S. 22.