Druckschrift 
Auf der Bühne früher Wissenschaft : aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde
(1894 - 1945)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Gründerjahre

23

viel geringere Rolle. Von ungleich größerer Bedeutung für dieAusbildung einer österreichischen Volkskunde war jene Ethno-graphie, wie sie in Wien nicht nur auf Hochschulebene Fuß fassen,sondern vor allem außeruniversitär ihre Forschungsinteressen ver-wirklichen konnte. Sammelbecken einschlägiger Aktivität war die 1870gegründete ,, Anthropologische Gesellschaft in Wien 25, deren Gliede-rung in drei Sektionen-- für Rassenlehre, für Ethnographie und für,, Urgeschichte"- die damalige thematische Ausrichtung der( zumindesthiesigen) Anthropologie spiegelte, wobei der Schwerpunkt allerdingsdeutlich im prähistorischen und, weniger deutlich, im human-biologischen Bereich lag 26 und im engeren Sinn, ethnologische Fragenzunächst nur eine untergeordnete Rolle spielten.27 Immerhin wurde1884 eine Ethnographische Commission" konstituiert, deren vor-dringlichste Aufgabe es sein sollte, eine kräftige Initiative zur Pflegeder Ethnologie, mit deren Berücksichtigung der Bevölkerung derösterreichisch- ungarischen Monarchie und der Balkanhalbinsel( speciell der Südslawen), innerhalb der Gesellschaft zu entfalten" 28 undsolcherart, in späterer Diktion, sich mit jenen Maßnahmen[ zu

Rahmen einschlägiger akademischer Lehrtätigkeit auch berücksichtigt wurde.- Zu den beidenSchulen der Ritualisten" bzw. Mythologen" wie auch zur( politischen) Rolle, die einigeihrer Anhänger in der weiteren Fachentwicklung spielen sollten, siehe Olaf Bockhorn: DerKampf um die Ostmark. Ein Beitrag zur Geschichte der nationalsozialistischen Volkskunde inÖsterreich. In: Gernot Heiß u.a.( Hg.): Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945(= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 43). Wien 1989, S. 17-38.

25 Karl Pusman: Die Wiener Anthropologische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahr-hunderts. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte auf Wiener Boden unter besonderer Be-rücksichtigung der Ethnologie. Phil. Diss. Wien 1991.

26

So hat man es um vorzugreifen- im Verein für Volkskunde bald nach dessen Gründungfür notwendig erachtet, dessen Arbeitsgebiet von diesen Bereichen recht deutlich abzu-grenzen: Als anthropologischer[ im Original durch Unterstreichung hervorgehoben] Vereinschließt der Verein die systematische Pflege der physischen Anthropologie und der Prae-historie von seiner Thätigkeit aus. Selbstverständlich schneidet er damit nicht die Wahr-nehmung der Beziehungen ab, welche zwischen der Naturgeschichte und der Urgeschichte derösterreichischen Bevölkerung und ihrem jetzigen Zustande bestehen. Siehe Protokoll der 2.Ausschusssitzung des Vereins für österreichische Volkskunde vom 16. 2. 1895, AVV, K I.27 Feest 1995( wie Anm. 6), S. 119-122. Zum Four Field Approach" nordamerikanischer Pro-venienz, wie er in der west-, nord- und mitteleuropäischen Wissenschaftsgeschichte[...] nurauf der Ebene der verschiedenen Anthropologischen Gesellschaften, die etwa seit der Mittedes 19. Jh. in England, Frankreich, Skandinavien, Deutschland und ab 1870 auch in Wien tätigwurden,[ besteht], vgl. Gingrich 1999( wie Anm. 9), S. 177.

28 Jahresbericht 1883. In: MAG 1884, S.[ 18], zit. nach Pusman 1991( wie Anm. 25), S. 90.