Druckschrift 
Auf der Bühne früher Wissenschaft : aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde
(1894 - 1945)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung

9

und Entwicklung des Vereins für Volkskunde in der österreichischenNachkriegszeit und ein Blick auf das Wirken Leopold Schmidts, diesesfür den Verein wie für die gesamte österreichische Volkskunde soprägenden Fachvertreters( der 1952 die Direktion des Museums und1959 die Vereinspräsidentschaft übernommen hat), beschließt die Rück-schau auf 50 Jahre Vereinsgeschichte.

Die Arbeit behandelt nicht viel mehr als die Hälfte dieser Vereins-geschichte und das guten Gewissens: weil unter Einhaltung einerhistoriographischen Distanz, ohne die ein Gegenstand nicht mehrfokussiert werden kann. Freilich, auch dem weitsichtigeren retro-spektiven Blick stellt sich die Vergangenheit nur zu oft in verzerrter( undgewöhnlich verklärender) Perspektive dar wird doch in der Regel der

-

oft weitgehend zufällige historische Ablauf der Dinge³ gern post festumzu einer mehr- weniger zielgerichteten sog. Entwicklung zurecht-gestutzt. Und so spiegelt der Titel dieser Arbeit- ,, Auf der Bühne früherWissenschaft" ihre Intentionen auch nur mit Vorbehalt: Früh, das sollschlicht signalisieren, dass es hier um Fachgeschichte geht, nicht aber,dass diese Fachgeschichte als steter Verlauf, als ein was Art und auchGehalt der Erkenntnisinteressen der Disziplin anlangt- kumulativerProzess und Fortgang, also gewissermaßen unter evolutionärem Aspektgesehen wird.

-

Denn die Annahme eines linearen wissenschaftlichen Fortschritts,der Wissenschaftsgeschichte als die Geschichte berühmter Gelehrterund ihrer bleibenden Erkenntnisse zu schreiben erlaubte, scheint mitt-lerweile auch in volkskundlicher Historiographie in Mißkredit geratenzu sein. Konnte ihr etwa noch Leopold Schmidt folgen, der in seiner Geschichte der österreichischen Volkskunde nicht weniger als einhalbes Jahrtausend ,, allmählichen Wachstums" überblickt hat, zielen

3 Und gerade dieser zufällige Ablauf ist es ja, der uns ermöglicht, neue Zusammenhänge zusehen und neue Fragen zu stellen, vgl. Helmut Neuhaus: Der Historiker und der Zufall. In:Frank- Lothar Kroll( Hg.): Neue Wege der Ideengeschichte. Festschrift für Kurt Kluxen zum85. Geburtstag. Paderborn u.a. 1996, S. 61-80. Ein anschauliches Beispiel, wie verschiedenefachgeschichtliche Versionen diesfalls der deutschen Völkerkunde/ Kulturanthropologie sichausnehmen können, bietet Thomas Hauschild: Kultureller Relativismus und anthropologischeNationen. Der Fall der deutschen Völkerkunde. In: Aleida Assmann u.a.( Hg.): Positionen derKulturanthropologie. Frankfurt/ Main 2004, S. 121-147.

Leopold Schmidt: Geschichte der österreichischen Volkskunde(= Buchreihe der Öster-reichischen Zeitschrift für Volkskunde, N.S. Band 2). Wien 1951, S. 20; in ähnlicher Intention